Bergamo – die hügelige Kunststadt der Seilbahnen

Kunststadt Bergamo

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Am Übergang von den letzten Ausläufern der Alpen zur fruchtbaren Po-Ebene liegt Bergamo, mitten im Herzen der Lombardei. Diese wunderschöne Stadt mit etwa 120.000 Einwohnern weist eine einzigartige, durch ihre wechselhafte Geschichte mitbestimmte Gliederung auf. Während die alte, auf einem Hügel gelegene Oberstadt einst eines der Herzstücke der Republik von Venedig war und noch heute von einer UNESCO-Weltkulturerbestätte umgeben ist, erstreckt sich die deutlich moderne Unterstadt rundherum. Beide Stadtkerne sind durch Seilbahnen verbunden, die noch heute Einheimische, aber auch Touristen von A nach B bringen. Lass uns einsteigen und unsere Tour beginnen!

Historischer Streifzug durch Bergamo

Die ideale Lage Bergamos auf einem Hügel zog schon früh erste Siedler an. Der keltische Volksstamm der Cenomanen soll zuerst hier gewesen sein, erst 196 v. Chr. eroberten die Römer das Gebiet und nannten es Bergomum. Zwischenzeitlich lebten an die 10.000 Bürger im Municipium, das, wie so viele andere norditalienische Städte auch, kurz vor dem Fall des Weströmischen Reichs geplündert wurde. Später sollte Bergamo ein bedeutendes langobardisches Herzogtum werden, bevor die Stadt nach langer karolingischer Herrschaft zur unabhängigen Kommune wurde – eine Ära, die vor allem von Konflikten mit Brescia und dem Lombardenbund geprägt war.

Zwischenzeitlich von Böhmen, Mailand und dem Haus Malatesta regiert, ging Bergamo nach der Schlacht von Maclodio endgültig an die Republik Venedig. Mehrmalige Eroberungen durch die Franzosen und Spanier – die Stadt wurde jeweils schnell von Venedig rückerobert – führten zum deutlichen Ausbau der Verteidigungsanlagen. Seit 2017 gehört die gewaltige Stadtmauer rund um die Altstadt mit ihren einst 14 Bastionen und vier schwer bewachten Stadttoren zum UNESCO-Weltkulturerbe. Wie so viele andere norditalienische Städte wurde auch Bergamo von Napoleon erobert, ging 1815 an das Königreich Lombardo-Venetien und entwickelte sich zu einem wichtigen Zentrum des Risorgimento. Man stellte den größten Anteil der sogenannten Garibaldinis beim Zug der Tausend und ging schließlich in das neugeschaffene Italien über.

Die Seilbahnen

Kunststadt Bergamo

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Neben zahlreichen Buslinien sind die beiden Seilbahnen überaus wichtig für den öffentlichen Verkehr Bergamos. Erste Ideen dazu kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf, als die auf Hügeln gelegene Oberstadt mit zunehmender Isolation und kommerziellen Krisen zu kämpfen hatte. Heute verkehren zwei Standsteilbahnen in Bergamo:

  • Città Alta: Mit dem Umzug der Stadtverwaltung in die Unterstadt war die Krise der Oberstadt endgültig perfekt. Eine Standseilbahn vom nördlichen Rand der Unterstadt (Viale Vittorio Emanuele) zum Nordrand der Oberstadt (Piazza Mercato delle Scarpe) war die Lösung. Aus den Kabinen wurden in späteren Jahren Schrägaufzüge, die Gefälle von bis zu 52 % überwinden. Die Standseilbahn in die Città Alta gilt immer noch als beliebtes Transportmittel unter Einheimischen und Gästen.
  • San Vigilio: Innerhalb der nordwestlichen Oberstadt bietet die Auffahrt auf den gleichnamigen Hügel einen hervorragenden Ausblick über Bergamo und erschließt weite Teile des venezianischen Verteidigungssystems zur Besichtigung. Heute fahren vor allem Touristen zur 496 m hoch gelegenen Burg.

 

Piazza Vecchia und Piazza del Duomo

Kunststadt Bergamo

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Ein Großteil der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Bergamo befindet sich in der alten Oberstadt und gruppiert sich rund um die beiden zentralen Plätze: Piazza Vecchia und Piazza del Duomo. An und rund um diese direkt verbundenen Hotspots der Stadt erlebst du unter anderem folgende Must-Sees:

  • Palazzo della Ragione: Die gemauerte, an den Stil einer Basilika aus dem antiken Rom angelehnte Fassade des Rathauses dominiert die Piazza Vecchia. Mehrere Brände zerstörten weite Teile des Palazzo della Ragione, im 16. Jahrhundert schließlich unter Einbeziehung spätgotischer Elemente restauriert. Der große Marktsaal fungiert heute als Freskenmuseum.
  • Campanone: Direkt neben dem Palazzo liegt eines der Wahrzeichen der Stadt. Den Campanone oder Torre civica kannst du schon von weitem sehen. Er ist 52,76 m hoch und überragt weite Teile Bergamos. 230 Stufen oder, wenn du es ein wenig gemütlicher angehen möchtest, ein Lift führen dich nach oben.
  • Dom: Auf der Piazza del Duomo liegt – keine Überraschung – der Dom Bergamos. Ausgrabungen deuten auf erste Kirchenbauten an diesem Ort aus dem 5. Jahrhundert hin, der gegenwärtige Neubau wurde Mitte des 15. Jahrhunderts begonnen und, nach gut zwei Jahrhunderten Unterbrechung erst 1693 abgeschlossen. Die Fassade mit weißem Marmor leuchtet dir förmlich entgegen, dahinter befindet sich ein echtes Monumentalwerk mit reichhaltiger Verzierung. Unter dem Portikus stellt ein archäologischer Bereich die spannende Geschichte der Basilika seit frühchristlicher Zeit dar.
  • Santa Maria Maggiore: Ursprünglich romanisch angedacht und unvollendet geblieben, wurde die 1137 begonnene Basilika Santa Maria Maggiore um 1530 durch eine Querhausfassade mit Vorhalle ergänzt und schließlich barockisiert. Die faszinierende Figurensprache an den Außenwänden steht im spannenden Kontrast zu den Fresken und Wandteppichen im Inneren. Hier haben die Komponisten Gaetano Donizetti und Johann Simon Mayr ihre letzten Ruhestätten.
  • Cappella Colleoni: Vielleicht das auffälligste Gebäude auf der Piazza del Duomo ist diese 1471 von Bartolomeo Colleoni in Auftrag gegebene Grabkapelle, in der sich die Grabmäler des Söldnerführers sowie seiner im Alter von zwölf Jahren verstorbenen Tochter Medea befinden. Dieses Meisterwerk der Renaissancearchitektur und dekorativen Kunst begeistert sowohl im Ganzen als auch im Detail. Die Fassade alleine mit den Säulen, dem Radfenster, dem Tympanon und dem Ädikula beeindruckt bereits, vom unglaublichen Innenleben mit prachtvoller Ausstattung ganz zu schweigen.

 

Weitere Highlights in Bergamo

Jenseits des historischen Stadtkerns erwarten dich noch viele weitere Orte und Plätze, die du unbedingt besuchen musst. Wir empfehlen dir folgende Sehenswürdigkeiten in der Oberstadt und der Unterstadt:

  • Accademia Carrara: Die Kunsthochschule mit Kunstmuseum in der Unterstadt nahm ihren Ursprung im späten 18. Jahrhundert, als der Kunstmäzen Giacomo Carrara der Stadt Bergamo eine umfassende Sammlung vermachte. Heute siehst du hier unter anderem Werke von Botticelli, Raffael, Pisanello und Raffael, zudem zahlreiche Drucke und Zeichnungen, Skulpturen, Porzellan, Möbel, Bronzefiguren sowie eine Sammlung von Ehrenfiguren.
  • GAMeC: Seit 1991 befindet sich die Galleria d’Arte Moderna e Contemporanea, kurz GAMeC, im Gebäude gegenüber der neoklassischen Accademia. Die Galerie für moderne und zeitgenössische Kunst präsentiert seine Ausstellungsstücke in zehn Räumen, über drei Stockwerke verteilt.
  • Orto Botanico: Ein langer Aufgang auf den Colle Aperto führt zum botanischen Garten der Stadt, der in den warmen Monaten täglich geöffnet ist. 1972 eröffnet und nach dem Mediziner und Botaniker Lorenzo Rota benannt, findest du hier alpine sowie exotische Pflanzen zuhauf.
  • Teatro Donizetti: 1797 zerstörte ein Feuer – man vermutete Brandstiftung – das erst wenige Jahre zuvor eröffnete Opernhaus Bergamos. Ein neues Gebäude musste her. Das heutige Teatro Donizetti – 1897 zum 100jährigen Geburtstag des Komponisten Gaetano Donizetti umbenannt – ist eine Besonderheit mit seiner Hufeisen-Form. Im benachbarten Park befindet ein Monument zu Ehren Donizettis.
  • San Michele al Pozzo Bianco: Im Osten der Oberstadt erwartet dich dieses abschließende Schmankerl. Die Wurzeln der kleinen Kirche reichen bis ins 8. Jahrhundert zurück, der aktuelle Bau stammt aus dem 14. Jahrhundert, während die Fassade an die 100 Jahre alt ist. San Michele al Pozzo Bianco ist vor allem für seine eindrucksvollen Fresken in der Marienkapelle, beim Altar und in der Krypta bekannt.

 

Von Oberstadt zu Unterstadt, von Prachtbau zu zeitgenössischer Kunst: Bergamo glänzt durch erstaunliche Vielfalt innerhalb und rund um die venezianischen Stadtmauern, die als Weltkulturerbe für sich alleine bereits Grund genug wären, diesem Schatz im Herz der Lombardei einen Besuch abzustatten. Lass dir dieses charmante kulturelle und architektonische Glanzlicht auf keinen Fall entgehen!

Como – eine Kunststadt vieler Herren

Am Südwestende des wunderschönen, schier endlosen Comer Sees liegt Como, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz in der Lombardei. In unmittelbarer Nähe zur Schweizer Grenze gelegen und nur 45 km von Mailand entfernt, breitet sich eine wunderschöne Touristenstadt aus. Natürlich ist der geradezu verführerische See mit seinem Badegenuss und den zahlreichen Wassersportarten erster Anziehungspunkt, doch verbergen sich hinter der Fassade der Kunststadt Como zahlreiche weniger bekannte Highlights. Welche das sind, finden wir jetzt gemeinsam heraus.

Como damals und heute

Kunststadt Como

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Wo es sich gut badet, da lass dich nieder – klingt nach einem patenten Urlaubsrezept, bezieht sich aber auf den Comer See. Auf den Hügeln südlich des Gewässers gab es bereits im 10. Jahrhundert v. Chr. erste dörfliche Besiedlungen. Diese blühten bis zum Einfall der Kelten auf. Comum, so der römische Name, soll von den Galliern gegründet worden sein. Unter Gnaeus Pompeius Strabo und Cäsar wurde die römische Kolonie schließlich deutlich ausgebaut, um gegen Einfälle der benachbarten Räter geschützt zu sein. Am See des wohlhabenden Ortes mit florierender Eisenindustrie standen einst zahlreiche Villen.

Frühe germanische Invasionen setzten Como ordentlich zu, erst in langobardischer Zeit kehrten die Menschen zurück. Ein schwelender Konflikt mit den Erzbischöfen von Mailand führte immer wieder zu einem zermürbendem Kreislauf aus Krieg, Besetzungen, Befreiungen und Verwüstungen. Wechselnde Herren im Mittelalter brachten Como 1450 zurück in mailändische Hand, bevor die Stadt, wie auch der Rest der Lombardei, in spanische Herrschaft geriet. In späteren Jahrhunderten ging es nach Österreich, in die Cisalpinische Republik, an Napoleons Königreich Italien und zurück nach Österreich, bevor man nach der Befreiung durch Giuseppe Garibaldi 1859 schließlich in das neue italienische Königreich eingegliedert wurde.

Der Dom zu Como

Kunststadt Como

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Diese gewohnt ausführliche Kurzabhandlung – es lebe der Widerspruch! – soll vor allem zeigen, dass es in Como nicht gerade linear vor sich ging. Wechselnde Herrschaftshäuser hinterließen ein besonders vielfältiges Stadtbild, dominiert durch den Dom. Die Cattedrale di Santa Maria Assunta steht im Herzen der Altstadt und war die letzte erbaute gotische Kathedrale in der gesamten Lombardei. Tatsächlich gab es mit Santa Maria Maggiore bereits eine Kathedrale aus dem 9. Jahrhundert in Seenähe, statt der angedachten Restauration kam es ab Ende des 14. Jahrhunderts allerdings zum Neubau.

Natürlich ging nicht alles reibungslos, und so wurde der Dom in mehreren Phasen errichtet. Bis 1519 standen die Hauptapsis, die Sakristeien und die Seitenflügel, die südliche und nördliche Apsis folgten erst ein Jahrhundert später, die Kuppel sogar nicht vor Mitte des 18. Jahrhundert. Obwohl die Bauphasen bis in die Renaissance und darüber hinaus reichten, sieht man nur wenig von diesen späteren Perioden. Der Dom zu Como ist mit zahlreichen großartigen Kunstwerken ausgestattet, darunter Statuen von Plinius dem Älteren und Plinius dem Jüngeren, beide Einwohner Comos, und prächtige Altarbilder. Im Domschatz findet sich das Reliquienbehältnis Urna Volpi mit Haaren Marias und einer Haarnadel von Maria Magdalena.

Kirchen und Schlösser in Como

Zahlreiche mittelalterliche und romanische Kirchen sowie prächtige Paläste und Schlösser innerhalb und rund um die antike, im Mittelalter erweiterte und verstärkte Stadtmauer geben einen Eindruck über die architektonische Vielfalt Comos. Wir werfen einen kleinen Blick auf ein paar ausgewählte religiöse und weltliche Bauwerke:

  • San Fedele: Unweit des Doms befindet sich diese Kirche aus dem ausgehenden 12. Jahrhundert, die du wahrscheinlich nicht so leicht finden wirst. Links und rechts an San Fedele grenzen Wohnhäuser an, zudem wurde die Fassade 1914 rekonstruiert und harmonisch in das Stadtbild eingegliedert. Interessant ist hingegen der ungewöhnliche Drei-Konchen-Chor, vermutlich nach Kölner Vorbild errichtet und seit jeher Forschungsgegenstand für etwaige mittelalterliche Beziehungen zwischen Como und der Rheinmetropole.
  • Sant‘Abbondio: Wie San Fedele ist auch Sant’Abbondio älter als der Dom. Das Langhaus stammt aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, als die Ottonen deutsche romanische Architektur mitbrachten. Ornamentik und Türme haben offenkundige nordeuropäische Vorbilder, die Rundstützen sind französisch inspiriert und das Freskenprogramm aus dem 14. Jahrhundert spielt mit Stilistik aus Umbrien und der Toskana.
  • Castello Baradello: Wir wagen einen Ausflug auf den Hügel über der Stadt, wo einst die römische Siedlung gegründet wurde. Das Castello Brandello kann auf eine lange, erstaunliche Geschichte zurückblicken, einst von Barbarossa restauriert und den Bürgern Comos geschenkt. Kaiser Karl V. ließ das Schloss im 16. Jahrhundert bis auf den Turm abreißen, damit es nicht in französische Hände gelangen konnte. Erst 1971 folgte eine aufwändige Restaurierung. Der Turm mit byzantinischen Wänden aus dem 6. bis 7. Jahrhundert blieb über all die Jahrhunderte gut erhalten.

 

Was du dir ebenfalls nicht entgehen lassen solltest

Darf es noch etwas mehr von Como sein? Klar, wir kriegen auch kaum genug von dieser faszinierenden Kunststadt. Hier sind einige weitere Favoriten:

  • Casa del Fascio: Como ist nicht nur Heimat faszinierender Zeugen alter Herrscher. Die Casa del Fascio gilt als Schlüsselwerk der italienischen Moderne (Razionalismo). Einst hatte die lokale Abteilung von Mussolinis faschistischer Partei ihren Sitz in diesem marmorverkleideten Gebäude, heute ist die Guardia di Finanza mit dazugehörigem Museum hier untergebracht.
  • Villa Olmo: Du interessiert dich für klassizistische Architektur? Dann wirst du in Como ebenfalls fündig! Ende des 18. Jahrhunderts entstand die Villa Olmo in Auftrag des Marquis Innocenzo Odescalchi. Zwar führten spätere Besitzer umfassende Änderungen durch – der Eingangsbereich wurde zur großen Halle, der Garten zum englischen Park – und doch blieb der ursprüngliche Geist erhalten.
  • Tempio Voltiano: Im Jahr 1800 erfand Alessandro Volta die erste elektrische Batterie. Dieses neoklassizistische Museum wurde zum 100. Todestag des Wissenschaftlers erbaut und zeigt Voltas wissenschaftliche Werkzeuge, diverse Batterieurformen und Alltagsgegenstände aus seinem Leben.
  • Standseilbahn: Brunate liegt auf einem Hügel oberhalb der Stadt Como. Das Gebiet war bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. besiedelt und entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zum beliebten Touristenziel. Die eingleisige Standseilbahn verbindet Como mit Brunate, einst als Haupttransportweg für die Bewohner, heute als beliebte Touristenattraktion.
  • Broletto: Abschließend wagen wir einen Sprung zurück ins Mittelalter. Unmittelbar nordwestlich der Domfassade erhebt sich der wohl wichtigste mittelalterliche Profanbau der Stadt, ein deutliches Zeichen für die enge Verbindung geistlicher und weltlicher Macht dieser Epoche. Gemauerte Säulenarkaden führen in das mit zahlreichen Figuren, Balustraden und Loggien verzierte Gebäude.

 

Sicherlich zählt Como zu den weniger bekannten Kunststädten. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall, nicht nur wegen des Comer Sees. Von antiken Vorboten über das besonders ausgeprägte mittelalterliche Erbe bis zur wechselhaften Neuzeit und Moderne entdeckst du so manchen Schatz. Und, ja, ein Sprung in den See darf gerade in der warmen Jahreszeit selbstverständlich nicht fehlen.

Genua – von der Seemacht zur magischen Kunststadt

Einst war Genua eine Handelsseemacht und das „Tor der ganzen Welt“, eine gewaltige Republik und Kolonialmacht. Christoph Kolumbus und Niccolò Paganini wurden hier geboren, zudem kann die städtische Universität auf eine ca. 550jährige, illustre Geschichte zurückblicken. Viel zu selten wird jedoch von der Kunststadt Genua gesprochen, von den faszinierenden Palästen und Prunkbauten entlang der UNESCO-Weltkulturerbe-Prachtstraßen Le Strade Nuove, von den unzähligen Kirchen und Galerien. Genau das ändern wir jetzt und laden dich auf eine Tour durch die Kunststadt Genua an der Küste des Ligurischen Meeres ein.

Die legendäre Republik Genua

Kunststadt Genua

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Du hast doch nicht ernsthaft geglaubt, dass wir Genuas Geschichte ignorieren würden, oder? Es. Ist. Genua. Nun denn: Der Name kommt wahrscheinlich aus dem Lateinischen („genu“ bedeutet „das Knie“), an die Form der Küstenlinie angelehnt. Vermutlich wurde der Naturhafen bereits in vorchristlicher Zeit betrieben. Funde deuten auf griechische Besiedlung rund um das 4. Jahrhundert v. Chr. Die Römer machten die Stadt ab 216 v. Chr. zum Hautquartier gegen die Ligurer. Berichte klassischer Autoren sind jedoch rar, man weiß wenig über die antike Stadt. Die Besiedlungs- und Eroberungsgeschichte nach Ende des Weströmischen Reichs mutet vertraut an, doch die Tüchtigkeit der Genuesen auf See führte zur bürgerlichen Verfassung, zum Wachstum der Marine und zum Aufstieg zur mittelalterlichen Kolonialmacht.

Innere Konflikte verlangsamten Genuas Aufstieg, die Rolle als Handelsseemacht nahm man jedoch dankend an. Die Republik entwickelte sich zum Dreh- und Angelpunkt für den Handel, zudem entstanden mehrere Kolonien. Öl, Wein, Leder, Seife, Getreide und Seide, aber auch der Sklavenhandel florierten. Die Reformierung der Republik im Jahr 1528 durch Andrea Doria versuchte sich gegen wachsenden spanischen und französischen Einfluss zu wehren, weitere innere Uneinigkeiten führten zum graduellen Verlust der Kolonien. Napoleon besetzte Genua im Jahr 1796 und gründete die Ligurische Republik, später Teil des französischen Kaiserreichs. Der republikanische Geist ließ sich nicht unterdrücken und so wurde das Gebiet später Teil Italiens. Als weiterhin wichtiger Seehafen war Genua entscheidend am italienischen Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt und spielt aufgrund seines wichtigen Hinterlandes – Mailand, Turin sowie Verbindungen bis in die Schweiz – immer noch eine zentrale Handelsrolle am Weltmarkt.

Genuas Paläste und das Weltkulturerbe

Kunststadt Genua

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Jetzt aber tatsächlich zur Kunststadt an sich. Mit den Le Strade Nuove und den Palazzi dei Rolli wollen wir uns eigentlich nicht zu lange abgeben, denn die 163 Paläste – vornehmlich im 16. und 17. Jahrhundert am Zenit genuesischer Handelsmacht durch reiche Patrizierfamilien entstanden – haben wir in unserem Beitrag zur UNESCO-Welterbestätte bereits ausreichend behandelt. Tatsächlich erlangten bloß 42 der 163 Paläste den Weltkulturerbe-Status… und es gibt noch weitere Paläste in Genua.

Einen legen wir dir besonders ans Herz, nämlich den Palazzo Reale. Klar, darüber haben wir bereits an anderer UNESCO-Stelle berichtet, aber er ist einfach zu schön und zu wichtig, um jetzt unter den Tisch gekehrt zu werden. Von 1618 bis 1620 für Mitglieder der Patrizierfamilie Balbi errichtet, wurde der Palast in den folgenden Jahrzehnten erweitert, umgestaltet und ergänzt. So ist das Gebäude vor allem für seine monumentale Front und den geradezu magischen Garten bekannt. Der Palazzo Reale beheimatet zudem eine Kunstgalerie mit über 200 Gemälden von Genuesen und anderen italienischen sowie internationalen Meistern, zudem beeindruckende Fresken und eindrucksvolle Möbel aus dem 17. bis 20. Jahrhundert.

Genuas Kirchen und Friedhöfe

Kunststadt Genua

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Es gibt nicht nur eindrucksvolle Paläste voller Prunk und Glorie in der Kunststadt. Du findest zudem unzählige Gotteshäuser und durchaus monumentale Ruhestätten über ganz Genua verteilt. Wir haben ein paar Favoriten für dich ausgewählt:

  • Kathedrale San Lorenzo: Die lange Baugeschichte – von 1100 bis zum Ende des 15. Jahrhunderts – siehst du der Kathedrale Genuas an. Romanische und gotische Elemente gehen Hand in Hand. Besonders prächtig ist das Innenleben mit seinen monumentalen Kirchenmalereien und nicht minder imposanten Skulpturen.
  • Santa Maria Assunta: Natürlich findest du auch einen Hauch von Renaissance-Architektur im Herzen der Stadt. Die Basilica di Santa Maria Assunta befindet sich auf dem Hügel von Carignano direkt im Zentrum und wurde ab 1549 über fünf Jahrzehnte als Zentralbau errichtet. Trotz extensiver Überarbeitung im 19. Jahrhundert blieb der ursprüngliche Charme erhalten.
  • Synagoge: Im Vergleich zu anderen genuesischen Kirchen ist die Synagoge sehr jung, erst 1934/35 im Stil des Eklektizismus aus Stahlbeton mit Steinverkleidung erbaut. Im Obergeschoß befindet sich ein Jüdisches Museum.
  • Santo Stefano: Auf einer Anhöhe gelegen, überblick diese Kirche die Hauptstraße Via XX Settembre. Angeblich soll Kolumbus in Santo Stefano getauft worden sein. Dieses Paradebeispiel ligurischer Romanik wurde zwar im Laufe der Jahrhunderte etwas komprimiert – aus Platzgründen riss man einige Kapellen – seit der de facto Neukonstruktion nach dem Zweiten Weltkrieg erstrahlt die Kirche dafür so richtig.
  • Monumentalfriedhof Staglieno: Der Stadtteil Staglieno liegt ein klein wenig außerhalb und wird vor allem mit dem gleichnamigen Friedhof assoziiert. Dieser erstreckt sich über eine Fläche von über 1 km² und zeichnet sich durch zahlreiche, teils steilere Geländestufen aus. Eine eigene Kleinbuslinie erschließt das Areal. Viele Grabstätten zeichnen sich durch exorbitanten Pomp aus und bilden eine Art Skulpturenpark mit 150 Jahren Bildhauereigeschichte an einem Ort.

 

Weitere Sehenswürdigkeiten in Genua

Neben den Palästen, Kirchen und Friedhöfen hat die Kunststadt Genua natürlich noch viel mehr zu bieten. Hier ist eine kleine Auswahl:

  • Porto Antico: Natürlich darf der städtische Touristenhafen auf der Liste nicht fehlen. Erst 1992 wurde der einstige Industriehafen zur Expo aufgewertet, heute zieht der Porto Antico Touristen und Einwohner gleichermaßen an. Zu den zahlreichen Highlights zählt das Acquario di Genova, Europas größtes Aquarium.
  • Leuchtturm: Genua hat gleich zwei Wahrzeichen. Torre della Lanterna di Genova, der Hafenleuchtturm auf dem Hügel von San Benigno, ist der höchste Leuchtturmbau Europas mit 76 Metern Höhe. Er kann samstags, sonntags und feiertags besichtigt werden und verfügt über ein eigenes, angeschlossenes Museum.
  • Fontana di Piazza de Ferrari: Das zweite Wahrzeichen befindet sich auf der Piazza de Ferrari, dem zentralen Fest- und Versammlungsplatz der Stadt. Der gewaltige Bronzebrunnen des Architekten Cesare Crosa di Vergagni aus dem Jahr 1936 dominiert die Piazza auf raffinierte Weise.
  • Universität: Eine der größten und renommiertesten Universitäten Italiens befindet sich in Genua. An die 37.000 Studenten sind in der Università degli Studi di Genova inskribiert. Sie wurde bereits 1471 per päpstlicher Bulle durch Papst Sixtus IV. gegründet und verfügt über weitere Fakultäten in Genua sowie entlang der Küste in La Spezia, Imperia und Savona. Zu den berühmtesten Studenten zählen wohl der populäre italienische Staatspräsident Sandro Pertini sowie der Friedenspapst Benedikt XV.
  • Teatro Carlo Felice: Wo einst die Dominikanerkirche San Benedetto stand, befindet sich heute eines der renommiertesten Opernhäuser Italiens. Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg zerstörten weite Teile des Originalgebäudes aus den 1820er Jahren, darunter den wertvollen Rokoko-Dachhimmel. Es gelang jedoch, die historische Fassade wiederherzustellen. Heute verfügt das Teatro Carlo Felice über einen Hauptsaal mit 2.000 Sitzen und ein Auditorium für 200 Besucher.

 

Hinter der einstigen Seemacht Genua verbirgt sich so viel mehr – eben eine echte Kunststadt! Wir empfehlen dir einen mehrtägigen Aufenthalt an der ligurischen Küste, um diese und weitere Highlights in vollem Umfang erfahren und genießen zu können. Verbinde deinen Besuch am besten mit einer kleinen Küstentour. Du wirst nicht enttäuscht sein.

Eine Tour durch die Kunststadt Turin im Piemont

Autos, Fußball, Industrie – die drei vermeintlichen Eckpfeiler Turins sind schnell umrissen. Freunde des runden Leders fühlen sich zu den ewigen Rivalen Juventus und Torino hingezogen, der weltweit bekannte Autohersteller Fiat gründete sich 1899 in der Stadt und viele weitere Unternehmen, darunter Kappa, Lancia und Lavazza, machten ihre ersten Schritte in Turin. Und dann ist da natürlich noch der Dom mit dem Turiner Grabtuch, eines der wichtigsten Artefakte des christlichen Glaubens. Tatsächlich ist das im Nordwesten Italiens gelegene, jeweils gut 100 km von der französischen und der Schweizer Grenze entfernte Turin eine faszinierende Kunststadt mit packender Geschichte und einem vielfältigen Angebot an nicht minder begeisternden Sehenswürdigkeiten. Wir laden dich auf eine kleine Tour durch die Hauptstadt des Piemont ein.

Vom römischen Militärlager zum industriellen Boom

Kunststadt Turin

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Wie du das mittlerweile gewohnt bist, widmen wir uns zunächst einem kleinen geschichtlichen Streifzug durch Turin, und der hat es tatsächlich in sich. Der Name leitet sich vermutlich aus „tau“, dem keltischen Wort für „Berge“, ab. Zudem kann der italienische Name „Torino“ volksetymologisch auf „kleiner Bulle“ zurückverfolgt werden, weshalb ein Bulle das Wappen Turins ziert. Wo einst die Tauriner, ein keltisch-ligurischer Stamm, lebte, errichteten die Römer um 28 v. Chr. ein Militärlager, dessen typische Stadtstruktur mit rechtwinklig zueinander verlaufenden Straßenzügen im heutigen Quartiere Romano erhalten geblieben ist. An die 5.000 Einwohner lebten innerhalb den Turiner Stadtmauern.

Nach dem Fall des Römischen Reichs geriet Turin unter langobardische Herrschaft, wurde später fränkisch regiert und schließlich Ende des 13. Jahrhunderts von den Herzögen von Savoyen eingenommen. Sie begannen im 15. Jahrhundert mit der kompletten Neuerrichtung der Stadt. Im Zuge dessen entstanden viele der berühmten Gärten und Paläste, die Universität wurde 1404 gegründet, und Turin wurde schließlich zur Hauptstadt des Herzogtums. Eine 117tägige Belagerung durch französische Truppen während des Spanischen Erbfolgekriegs verlief erfolglos. Nach der Vereinigung Italiens diente Turin vier Jahre lang als Hauptstadt und Sitz des Königs, bevor die Industrialisierung der Stadt einen beispiellosen Aufschwung gewähren sollte. Diesem sollte durch die industrielle Krise in den 1980er Jahren ein jähes Ende bereitet wurden, die Einwohnerzahl fiel deutlich unter die Millionenmarke und sollte sich nicht erholen.

Die Kirchen und Basiliken

Kunststadt Turin

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Bevor Turin 1563 zur Hauptstadt Savoyens erhoben wurde, war die Stadt vor allem mittelalterlich geprägt. Die umfassende Umgestaltung veränderte das Stadtbild komplett, zog neue Achsen und sorgte unter anderem dafür, dass keine einzige der 21 Pfarrkirchen bestehen oder zumindest unverändert blieb. Turin beheimatet heute noch zahlreiche Kirchen und Basiliken von Weltrang, die du dir auf keinen Fall entgehen lassen solltest. Wir empfehlen unter anderem:

  • Turiner Dom: Dieser erste Eintrag wird dich kaum überraschen, schließlich haben wir den Dom eingangs kurz erwähnt. Eigentlich ist der Duomo di Torino ein eher schlichtes Gebäude, recht anspruchslos gestaltet mit typischen Renaissanceformen, einer Marmorfassade sowie einem Campanile mit barocken Obergeschoßen. Wir erwähnen den Dom vor allem aufgrund der direkt hinter der Vierung der Kathedrale angefügten Kapelle, extra für das Turiner Grabtuch errichtet und reich geschmückt. Der Blick gen Himmel durch die imposante Kuppel begeistert. Obwohl wissenschaftlich widerlegt, vielleicht sogar gerade deswegen, wird das Leinentuch von vielen Gläubigen als jenes Tuch verehrt, in dem Jesus nach der Kreuzigung begraben wurde.
  • Maria-Hilf-Basilika: 1844 oder 1845 erschien die Jungfrau Maria dem Salesianer Don Bosco in einem Traum und zeigte ihm den Ort des Martyriums der Turiner Heiligen Solutore, Ottavio und Avventore. Hier ließ Don Bosco die Basilica di Maria Ausiliatrice errichten. Sie entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und beherbergt die Reliquien der Heiligen sowie die Überreste des heiliggesprochenen Erbauers.
  • San Lorenzo: Etwas unauffällig in eine Reihe von Palästen eingebunden, wirkt diese Kirche an der Piazza Castello wie eines von vielen Gebäuden in diesem Stadtviertel. Hinter der Fassade verbergen sich spannende Elemente aus der islamischen Architektur mit geschickten Lichtspielen und fantasievollen Formen.
  • Superga: Mit der Zahnradbahn geht es auf den Superga-Hügel im Osten der Stadt, wo sich auf 672 m Höhe die gleichnamige Kirche befindet. Bei gutem Wetter kannst du von hier aus sogar die Alpen sehen. Von den gewaltigen Freitreppen bis zur ähnlich imposanten Kuppel erlebst du Barockkunst pur.

 

Turins Paläste und Schlösse

Mit den Schlössern und Palästen Turins wollen wir uns eigentlich nicht allzu lange befassen. Nicht etwa, weil sie nicht von atemberaubender Schönheit wären, sondern weil wir diese Prunktstücke bereits im Rahmen unseres Weltkulturerbe-Beitrags zu den Residenzen des Hauses Savoyen abgehandelt haben – den können wir dir für weitere Informationen nur ans Herz legen. Von diesen 14 Residenzen befinden sich derer fünf auf Turiner Stadtgebiet:

  • Palazzo Reale
  • Palazzo Madama
  • Palazzo Carignano
  • Castello del Valentino
  • Villa della Regina

 

Die Palazzina di Stupinigi, etwa zehn Kilometer südwestlich von Turin gelegen und ebenfalls Teil der UNESCO-Weltkulturerbestätte, will ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Ein Ausflug zu diesem barocken Jagdschlösschen ist Pflicht, alleine schon aufgrund der packenden Architekturmalerei.

Weitere Sehenswürdigkeiten in Turin

Kunststadt Turin

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Wir bleiben allerdings in Turin, denn die Kunststadt hat noch viel mehr zu bieten. Hier sind einige weitere essenzielle Sehenswürdigkeiten:

  • Porta Palatina: Einst umgab eine dicke Stadtmauer das römische Turin. Eines der drei großen Stadttore blieb erhalten, wohl auch, weil es nach mehreren Umbauten im 18. und 19. Jahrhundert als Gefängnis diente. Mittlerweile wurde die Porta Palatina restauriert und rekonstruiert. Zwei moderne Kopien antiker Statuen flankieren das Ziegeltor mit seinen zwei hohen Wachtürmen.
  • Museo Egizio: Dieses Turiner Museum befasst sich ausschließlich mit Ägyptologie und beherbergt eine der größten Sammlungen ägyptischer antiker Werke der Welt. Von den ca. 32.500 Artefakten sind rund 6.500 ausgestellt. Neben seinen zahlreichen Statuen ist das Museo Egizio vor allem für seine außerordentliche Papyrus-Sammlung bekannt.
  • Galleria Sabauda: Im Weltkulturerbe-Palast Palazzo Reale untergebracht, widmet sich die Gemäldegalerie vornehmlich italienischer, französischer und niederländischer Kunst des 15. bis 17. Jahrhunderts. Bestaune unter anderem Werke von Tintoretto, Rembrandt, Guercino und Buoninsegna.
  • Mole Antonelliana: Ursprünglich als Synagoge geplant, bereiteten die Verlegung der italienischen Hauptstadt nach Florenz sowie die ausufernden Kosten diesen Plänen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein jähes Ende. Der gewaltige Turm mit einer Höhe von 167,5 m gilt heute als eines der Wahrzeichen Turins und beheimatet das Filmmuseum. Der Lift bringt dich auf ca. 85 m für eine traumhafte Aussicht mit alpinem Fernblick.
  • Lingotto-Gebäude: Einst errichtete Fiat mit dem Lingotto-Gebäude die größte Autofabrik der Welt. Auf dem Dach wurde sogar eine eigene Teststrecke für neue Wägen eingerichtet. Nach der Schließung der Fabrik 1982 inmitten einer gewaltigen industriellen Krise wurde das Gebäude umgebaut und modernisiert. Heute befinden sich ein Kongresszentrum, eine Konzerthalle, ein Hotel, ein Einkaufszentrum und das Kunstmuseum Pinacoteca Giovannni e Marella Agnelli mit Werken aus der Sammlung des Fiat-Ehepaars in der ehemaligen Autofabrik. Die Teststrecke auf dem Dach gibt es übrigens immer noch, du kannst sie besichtigen und abspazieren.

 

Turin hat viele kleine und große Highlights zu bieten. Besuche Pilgerstätten von Weltruhm, lass dich in den Bann pompöser Paläste und Schlösser ziehen und erlebe die wechselhafte industrielle Geschichte der Stadt hautnah. Und ja, ein Abstecher in eines der packenden Fußballstadien ist selbstverständlich ebenso Pflicht. Viel Spaß im Herzen des Piemont!

Die Kunststadt Aosta von der Urzeit bis heute

Kunststadt Aosta

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Im äußersten Nordwesten Italiens liegt das Aostatal, an Frankreich und die Schweiz angrenzend. Die kleine Region ist für ihre natürliche Schönheit und den Tourismus, die zahlreichen Regional- und Nationalparks sowie die prestigeträchtigen, oft grenzübergreifende Skigebiete bekannt. Zudem finden sich im Aostatal französischsprachige Gemeindenamen – ein Verweis auf die gut 900jährige Zugehörigkeit zum Herrschaftsgebiet des Hauses Savoyen. Über die einzelnen Ortschaften der Region spricht man allerdings nur selten, außerhalb der Grenzen kennen wohl nur wenige ihre Namen. Dabei gäbe viel Spannendes zu entdecken. Die Hauptstadt Aosta – sie trägt als einzige Gemeinde des Aostatals einen zusätzlichen italienischen Ortsnamen – ist sogar eine waschechte Kunststadt mit hochspannender Geschichte und packenden Sehenswürdigkeiten. Diesen etwas versteckten und zu Unrecht vergessenen Schatz im Norden Italiens stellen wir dir heute vor.

Wie Aosta zu Aosta wurde

Wo sich heute die Hauptstadt der Region Aostatal erhebt, gab es bereits vor 5000-6000 Jahren erste prähistorische Siedlungen. Die einheimischen Salasser konnten sich mithilfe der natürlichen Alpenbarriere lange Zeit gegen die römische Invasion wehren. Im Jahr 25 v. Chr. eroberte A. Terentius Varro Murena im Rahmen der Augusteischen Alpenfeldzüge schließlich das Aostatal. Die Salasser wurden mehrheitlich als Sklaven verkauft, Augustus ließ aus einem bestehenden Legionslager die Stadt Augusta Prætoria – das heutige Aosta – gründen.

Die ursprüngliche römische Schachbrettstruktur ist noch heute in der Altstadt erkennbar. 64 Häuserblöcke (Insulae) formten das von einer Stadtmauer mit jeweils einem Tor auf allen vier Seiten umgebene Augusta Prætoria, große Bauten wurden auf vordefinierten „Schachbrettfelder“ errichtet. Nach dem Ende des Römischen Reichs kämpften die Franken und die Langobarden um das Gebiet, später ließ Karl der Große die Via Francigena nach Rom durch die Stadt errichten. 1025 erwarb Humbert I. von Savoyen die Region; sie sollte bis 1946 zum Herrschaftsgebiet gehören, auch nach der Eingliederung in das italienische Königreich im Jahr 1861. Während des Faschismus sah sich das Aostatal erzwungener Italianisierung ausgesetzt und war im Zweiten Weltkrieg eines der wichtigsten Zentren des Widerstands. Die Region erhielt nach Kriegsende ein Sonderstatut, um Autonomiebestrebungen sowie Annexionsplänen Frankreichs entgegenzusteuern. Noch heute sprechen knapp 80 % der Bevölkerung Französisch und beinahe 70 % den traditionell volkssprachlichen Dialekt Frankoprovenzalisch.

Das prähistorische Aosta

Es lohnt sich, das überaus vielfältige Stadtbild Aostas chronologisch abzuarbeiten, und so geht es – natürlich – in vorgeschichtlichen Zeiten los. Saint Martin de Corléans am westlichen Stadtrand ist eine der größten Megalithanlagen Italiens. Sie wurde im Juni 1969 entdeckt und in 22 Schichten mit einer Tiefe von bis zu sechs Metern abgetragen sowie analysiert. Auf einer Fläche von ca. einem Hektar erlebst du die Entwicklung dieser Stätte vom Ende des Neolithikums über die Kupfer- und Bronzezeit bis in die Eisenzeit mit. Man vermutet, dass die älteste Phase menschlicher Aktivitäten um 4200 v. Chr. begann. Gepflügte Furchungen deuten rituelle Handlungen an. Der eigentliche Anlagenbau setzte vermutlich zwischen 3000 und 2750 v. Chr. ein. 22 in einer Reihe gesetzte Holzpfähle – es dürfte sich laut Experten um Totems handeln – wurden angebracht, später folgten über 40 anthropomorphe Stelen. Diese dürften feierliche Denkmäler zu Ehren von Helden und Gottheiten sein. Saint Martin de Corléans ist zudem eine Nekropole. Die Bestattungsphase sollte bis in die Bronzezeit andauern, verschiedenste Grabarten und Riten konnten identifiziert werden. Vermutlich wurde die Nekropole sogar bis in die Römerzeit genutzt. Ein gewaltiger, über zwei Gebäude verteilter Museumskomplex bringt dir die Ausgrabungsstätte näher. Hier erfährst du mehr über die verschiedenen archäologischen Phasen und die Entwicklung Aostas von damals bis heute.

Römische Ruinen in Aosta

Kunststadt Aosta

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Wie bereits erwähnt, erkennst du den römischen Aufbau Aostas noch heute bei einem Streifzug durch die Altstadt. Tatsächlich überdauerten einige Strukturen und Bauwerke aus dem Altertum die Zeit, zumindest in Teilen. Die römische Stadtmauer Aostas ist ohne Frage eine Besonderheit. Sie wurde im Mittelalter weiterverwendet und überlebte wohl daher fast komplett. Sie umschließt ein rechteckiges Gebiet von 724 x 572 Metern und ist über weite Strecken über sechs Meter hoch. Zudem sind die Stadttore gen Osten und Süden noch erhalten. Das im 1. Jahrhundert n. Chr. entstandene Haupttor Porta Prætoria wurde in späteren Jahrhunderten mit Marmor bedeckt, konnte seine ursprünglichen Formen ansonsten weitestgehend beibehalten. Der Augustusbogen vor dem Tor sowie die einst über einen Fluss führende Romerbrücke Pont de Pierre stammen ebenfalls aus dieser Zeit.

Nicht alle Gebäude blieben so gut erhalten. Manche Türme der Stadtmauern mögen im Kern noch römisch sein, viele durchlebten jedoch umfassende Änderungen. So wurde der Turm von Bramafam, um ein prominentes Beispiel zu nennen, im 11. Jahrhundert auf den Ruinen einer römischen Bastion erbaut und diente den Vicomtes des Hauses von Savoyen als Residenz. Vom monumentalen, vierstöckigen Theater blieb die Südwand erhalten, auch das Forum existiert bestenfalls noch rudimentär. Ein Abstecher zum römischen Gutshof auf dem Hang oberhalb Aostas lohnt sich immer.

Weitere Sehenswürdigkeiten in Aosta

Das ist aber noch längst nicht alles, was dich bei deinem Besuch der Kunststadt Aosta erwartet. Die Jahrhunderte nach dem Ende römischer Herrschaft hinterließen selbstverständlich ihre Spuren, und so können wir dir folgende Highlights ans Herz legen:

  • Kathedrale: Die Cattedrale di Aosta wurde eigentlich im 4. Jahrhundert erbaut, verschwand allerdings ca. 700 Jahre später von der Bildfläche, um einem neuen Bau Platz zu machen. Im 15. und 16. Jahrhundert fanden weitere Modifikationen statt. Die spätgotische Gestalt, die Renaissance-Fassade, der klassizistische Vorbau aus späteren Jahren ergeben in Verbindung mit dem Mosaikfußboden und den Glasmalereien aus dem 12. und 13. Jahrhundert eine mehr als spektakuläre architektonische Mischung.
  • Sant’Orso: Auch die Wurzeln dieses ehemalige Kollegiatstifts liegen weit in der Vergangenheit – im 5. Jahrhundert, um genau zu sein. Auf eine frühromanische Kompletterneuerung folgte das heutige, spätgotische Erscheinungsbild im 15. Jahrhundert. Während die fünfschiffige, auf zwölf römischen Säulen erbaute Krypta an den Vorgängerbau erinnert, taucht der Freskenzyklus mit Szenen aus dem Leben Christi und der Apostel tief in das 11. Jahrhundert ein.
  • Ponte di Grand Arvou: Die zunehmende Besiedlung des Aostatals, in Verbindung mit Viehzucht, führte zu Engpässen in der Wasserversorgung. Der Kanal Rû Prévôt wurde im 13. und 14. Jahrhundert erbaut, zahlreiche Aquädukte sollten folgen. Zu den prächtigsten Bauwerken dieser Initiative zählt die Ponte di Grand Arvou, die übrigens immer noch in Betrieb ist.
  • Riserva naturale Tzatelet: Etwas außerhalb Aostas liegt eines der schönsten Naturschutzgebiete der Region. Hier findest viele seltene Vogelarten und vielfältige, für die Alpen ungewöhnliche mediterrane Vegetation. Auf dem Tzatelet-Hügel wurde zudem eine neolithische Nekropole gefunden, die vermutlich um 3000 v. Chr. entstand.

 

Obwohl es mit Sicherheit bekanntere Städte in Norditalien als Aosta gibt, solltest die Hauptstadt des Aostatals auf keinen Fall links liegen lassen. Das packende historische Erbe der regionalen Hauptstadt von der Urzeit über das römische Reich bis in die Spätgotik legt so manchen verborgenen Schatz offen, der genauere Betrachtung verdient. Entdecke dieses versteckte Juwel der Alpen, am besten im Rahmen eines mit Sicherheit unvergesslichen Wander- oder Skiurlaubs in der umliegenden Bergwelt.

Die Hügel des Prosecco zwischen Conegliano und Valdobbiadene

Die Hügel des Prosecco zwischen Conegliano und Valdobbiadene

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Jahr für Jahr exportiert Italien gewaltige Mengen an Prosecco – an die 90 Millionen Flaschen, um genau zu sein. Mittlerweile bezeichnet Prosecco sogar eine bestimmte Herkunft und nicht, wie bis Ende 2009 üblich, eine Rebsorte. Die Anbaugebiete von Conegliano und Valdobbiadene zählen zu den bekanntesten Prosecco-Regionen der Welt. Sie erfüllen die höchste Qualitätsstufe im italienischen Weinbau (DOCG) und können dafür auf eine Landschaft zurückgreifen, die seit Jahrhunderten speziell für den Anbau dieser Trauben geformt wurde. Seit 2019 gelten die Hügel des Prosecco zwischen Conegliano und Valdobbiadene als UNESCO-Welterbestätte. Einzigartige Szenerie und ausgeprägte Genusspfade erwarten dich bei einem Besuch.

Prosecco mit kontrollierter und garantierter Herkunftsbezeichnung

Beim Prosecco di Conegliano Valdobbiadene handelt es sich um einen Spumante, der überwiegend aus der Rebsorte Glera (Anteil von 85-100 %) hergestellt wird. Der Schaumwein darf ausschließlich in folgenden 15 Gemeinden in und rund um diese beiden Orte angebaut werden:

  • Conegliano
  • San Vendemiano
  • Colle Umberto
  • Vittorio Veneto
  • Tarzo
  • Cison di Valmarino
  • San Pietro di Feletto
  • Refrontolo
  • Susegana
  • Pieve di Soligo
  • Farra di Soligo
  • Follina
  • Miane
  • Vidor
  • Valdobbiadene

 

Neben dem Colli Asolani-Prosecco, der in der und rund um die ebenfalls in der Provinz Treviso liegenden Stadt Asolo angebaut wird, ist der Prosecco di Conegliano Valdobbiadene der einzige seiner Art, welcher die Bezeichnung DOCG tragen darf. Diese „Denominazione di Origine Controllata e Garantita“ beschreibt eine „kontrollierte und garantierte Herkunftsbezeichnung“ – die beste Qualität im Weinbau Italiens. Mit ca. 700.000 Hektoliter Wein pro Jahr – Tendenz steigend – stellen die Winzer gewaltige Mengen Prosecco her, und das in vier verschiedenen Arten: Stillwein, Frizzante, Spumante Superiore und Superiore di Cartizze.

Flickwerk auf steilen Anbauterrassen

Die Hügel des Prosecco zwischen Conegliano und Valdobbiadene, UNESCO

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Für die UNESCO ist die einzigartige Weinanbaulandschaft und das enge Zusammenspiel von Mensch und Natur ein entscheidendes Kriterium für die Ernennung zum Welterbe gewesen. Über Jahrhunderte stellte sich die Bevölkerung den großen Herausforderungen des – gelinde gesagt – schwierigen Terrains und formte dieses nach und nach zur perfekten Prosecco-Region. Besagtes Terrain nennt man im Englischen „Hogback“, was auf Deutsch so viel wie „Schweinerücken“ oder „Schildberg“ bedeutet. Dabei handelt es sich um steile, zerfurchte Hänge, die von Ost nach West verlaufen und von kleinen, parallel dazu verlaufenden Tälern durchsetzt sind. Um diesen schweren Untergrund zu bändigen und landwirtschaftlich zu nutzen, verwendete man „Ciglione“, eine spezielle Terrassenform, die grasbedeckten Boden anstelle von Steinen verwendet und dadurch die Hänge nachhaltig stützt. Diese Anbauparzellen wurden vermutlich erstmals im 16. und 17. Jahrhundert eingesetzt und eignen sich besonders gut für steile Abschnitte. Angesichts tausender kleiner Weinproduzenten wirken die Hügel des Prosecco zwischen Conegliano und Valdobbiadene heute wie Flickwerk – hochgradig fragmentiert und doch eng miteinander verbunden.

Auf Genusspfaden zwischen Conegliano und Valdobbiadene wandelnd

Was aber nützt die schönste Prosecco-Lehrstunde, wenn du auf dem Trockenen sitzt? Zahlreiche Genusspfade schlängeln zwischen den beiden Hotspots und führen über steile Hügel und durch dichte Wälder, über mosaikartige Anbauparzellen und weite Ackerflächen. Eine regelrechte „Proseccostraße“ bringt dich von A nach B. Wir haben ein paar Highlights für dich ausgewählt:

  • Conegliano: Los geht es bei der ersten Weinschule Italiens, 1876 gegründet. Lass dich bei einer Führung in die Geheimnisse der Prosecco-Herstellung einführen, besuch alte Weinkeller und schau im nahegelegenen Weinmuseum vorbei.
  • Refrontolo: Unter den zahlreichen charmanten Dörfern dieses Anbaugebiets ragt Refrontolo heraus. Es ist nicht nur Heimat einer überaus populären Beerenauslese, sondern beherbergt ebenso die alte, noch funktionstüchtige Wassermühle Molinetto della Croda. Sie dient aktuell als Museum.
  • Villa Brandolini: Dieses Gebäude in Solighetto ist Sitz geballter Prosecco-Kompetenz, denn von hier aus arbeitet das Consorzio Tutela del Vino Prosecco Conegliano Valdobbiadene DOCG. In der Villa finden regelmäßig kulturelle Veranstaltungen und spannende Ausstellungen statt.
  • Follina: Follina zählt zu den schönsten Dörfern Italiens. Das kulinarische Angebot alleine ist ein Muss. Lege eine kleine Rast in einer Trattoria mit Deftigem aus der Region ein und besuche im Anschluss die mächtige Abbazia di Santa Maria.
  • Farra di Soligo: Die Hügeln werden immer steiler und wilder – perfekt für eine kleine Wanderung! Zwischen den Rebstöcken erheben sich die drei Torri di Credazzo, die einst zu einer von den Langobarden zerstörten Burg gehörten, sowie die kleine Kirche San Martino.
  • Cartizze: Die Heimat des Conegliano Valdobbiadene-Prosecco Superiore di Cartizze beeindruckt mit spektakulären Hügelkegeln, den sogenannten „Chiocciole“, und „Casére“, den urtypischen Scheunen der Region. Ein Besuch in einem der zahlreichen Weinkellern ist Pflicht.
  • Valdobbiadene: Am Ende der Genussstraße warten exzellente Restaurants mit dem Besten aus der Küche Trevisos sowie unzählige Spumante-Weinkeller. Für den Rückweg empfehlen wir dir übrigens einen Abstecher nach Guia, Campea und Farrò, denn hier ist die Aussicht auf die Rebstöcke besonders schön, vor allem bei Sonnenuntergang.

 

Entdecke einen der schönsten und einzigartigsten Landstriche Italiens, die besondere Symbiose und Mensch und Natur und, natürlich, überaus edle Tropfen. Die Hügel des Prosecco zwischen Conegliano und Valdobbiadene stehen beispielhaft für Kompetenz, Innovation und Erfindergeist im italienischen Weinbau und glänzen zudem durch unvergleichliche, mosaikartige Szenerie. Lass dir eine der jüngsten UNESCO-Welterbestätten Italiens auf keinen Fall entgehen – und ein kleiner Abstecher in einen der unzähligen Weinkeller wäre ebenfalls nicht verkehrt.

Ivrea, Industriestadt des 20. Jahrhunderts

Ivrea, Industriestadt des 20. Jahrhunderts, UNESCO

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Würdest du die Stadt Ivrea im Piemont, am Nordrand der Po-Ebene zwischen Turin und dem Aostatal gelegen, von oben betrachten, fiele dir die Zweiteilung durch den Fluss Dora Baltea auf. Im Norden befindet sich die Altstadt mit den Überresten eines römischen Amphitheaters, dem imposanten Schloss des Savoyer-Grafen Amadeus VI. sowie der eindrucksvollen Kathedrale, die im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Umbauten erfuhr. Der Süden beherbergt hingegen eine Industriestadt, die mit Gründung der Firma Olivetti sukzessive aus dem Boden gestampft wurde und die Entwicklung Ivreas vorantrieb. Am 1. Juli 2018 erklärte die UNESCO die Industriestadt von Ivrea zum Weltkulturerbe. Mit seinen 27 Gebäuden gilt dieser Komplex als Vorreiter der Corporate Architecture und zeigt dir eine andere Seite des italienischen Nordens.

Schreibmaschinen, Taschenrechner, Bürocomputer

Ein Blick auf die Weltkulturerbestätte Ivrea wäre ohne eine kurze Auseinandersetzung mit der Unternehmensgeschichte von Olivetti undenkbar. Die Firma wurde im Jahr 1908 von Camillo Olivetti gegründet. In einer kleinen Ziegelbau-Werkstätte am Stadtrand entwickelte er mit einigen Technikern in dreijähriger Arbeit die Schreibmaschine „M1“, 1911 auf der Turiner Industrie-Ausstellung vorgestellt. Olivettis Schreibmaschine wurde zum gefeierten Erfolg, die Expansion folgte. 1920 zählte man 200, 1933 rund 800 und im Kriegsjahr 1940 sogar 6000 Arbeiter. Das Unternehmen warb seine Arbeitnehmer gezielt aus der Region Ivrea an – sie machten einst 90 % der gesamten Belegschaft aus – und entwickelte bereits 1909 ein revolutionäres Sozialsystem von der Betriebskrankenkasse über Kindergarten und Mütterfürsorge bis zu Urlaubsheimen, kultureller Betreuung und Begabtenförderung.

Camillo Olivetti, Sohn einer jüdischen Familie, überschrieb das Unternehmen seinem Sohn Adriano, um der faschistischen Enteignung zu entgehen. Dieser führte einen neuen Managementstil ein und erklärte die Gestaltung zum wesentlichen Olivetti-Merkmal. Zuvor eingeführte Büromöbel-Linien sowie die portable Schreibmaschine MP1 „Ico“ hatten sich bereits in diese Richtung bewegt, später wurde auf dunkelgrauen Strukturlack umgestellt. Olivetti stieg 1948 in den elektronischen Rechnermarkt ein, produzierte 1959 die ersten elektronischen Computer mit Transistoren. Adriano Olivetti verstarb 1960 an einem Gehirnschlag, ein Streit unter seinen sieben Erben entbrannte, durch den Tod des Unternehmenspräsidenten Giuseppe Pero weiter angefacht. Die Firma geriet nicht zum letzten Mal in finanzielle Schräglage, mehrere Neuausrichtungen – Elektronik, Computer, Telekommunikation – erreichten nur kurzfristige Erleichterungen. Durch die Übernahme der Telecom Italia im Jahr 2003, nunmehr der neue Dachkonzern, stabilisierte sich Olivetti und überraschte vor zehn Jahren sogar mit dem Wiedereinstieg in den Computer-Markt.

Movimento Comunità

Der soziale Aspekt war für Olivetti immer schon wichtig, ebenso eine klare Corporate Identity. Wichtigen Einfluss auf die Gebäude der UNESCO-Weltkulturerbestätte übte die „Movimento Comunità“ (dt. „Gemeinschaftsbewegung“) aus. Basierend auf dem Buch „L’Ordine Politico delle Comunità“ (dt. „Die politische Ordnung der Gemeinschaft“) von Adriano Olivetti, wurde sie 1947 ins Leben gerufen. Sie verlangte die Neuordnung des Landes in autonome Gemeinden, vereint durch einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund. Im Gegensatz zu anderen Industriellen erkannte Olivetti die Notwendigkeit der Angestelltenabsicherung und der Bereitstellung sozialer Leistungen. Mit der Verfügbarmachung von Wohngebäuden zu sozialen Zwecken trug er den rasanten industriellen – und somit auch sozialen – Veränderungen des 20. Jahrhunderts Rechnung. Daher ist dieses Welterbe für die UNESCO nicht nur architektonisch beeindruckend, sondern ebenso als Zeugnis der Ideengeschichte dahinter – obwohl die Funktionen der meisten gewerblichen Gebäude in jüngerer Vergangenheit deutlich zurückgegangen sind.

Außergewöhnliche Architektur im industriellen Wandel

Ivrea, Industriestadt des 20. Jahrhunderts

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Obwohl die AEG bereits in den 1910er Jahren Gebäude laut Corporate Identity entwerfen ließ, gilt Olivetti als Corporate-Architecture-Pionier. In den 1930ern eingeführt, erfüllten diese Gebäude nicht nur soziale Funktionen, sie stifteten zudem Identität, sorgten für Markenbewusstsein und Wiedererkennungswert, und erhöhten dadurch die Arbeitsproduktivität. Das einzigartige Zusammenspiel des Olivetti-Komplexes – unter der Leitung Adriano Olivettis mit führenden italienischen Architekten vor dem Hintergrund seiner politischen und sozialen Ideen erarbeitet und errichtet – symbolisiert eine Industrie im Wandel. Mechanisches wurde digitalisiert, neue Produktionsmechanismen eingefügt, soziale Veränderungen einbezogen. Jedes Gebäude, jeder Teil dieses Komplexes ist komplett durchdacht, spiegelt die Firmenidentität wider und fügt sich dennoch nahtlos in das Stadtbild ein. Nicht umsonst wurden Olivettis Bauten wichtige Ankerpunkte der Entwicklung der Theorien der Industrialisierung sowie der Urbanisierung im 20. Jahrhundert.

27 Gebäude, ein Weltwerbe

70.000 ha Grund, 145.000 m² überbaute Fläche, von denen 17 % als Wohnungen dienen – der Olivetti-Komplex nimmt geradezu monumentale Dimensionen an. Die Weltkulturerbestätte besteht aus 27 Gebäuden, heute vielfach anderweitig verwendet. Dazu zählen das Heizwerk und die Tischlerei, das ehemalige Sertec-Gebäude sowie die Sozialwohnung Borgo Olivetti, das Gebäude 18 alloggi und die Wohnanlage-West, die erst im Jahr 1968 geplant wurde. Sie alle tragen die Handschrift namhafter Architekten und sind zudem urtypisch für den Olivetti’schen Stil, welcher die Welt der Corporate Architecture bis heute prägt. Dass Vater und Sohn ihrer Zeit voraus waren, zeigt der Firmenkindergarten. Die 1939 konzipierten Räume werden auch heute noch zur städtischen Kinderbetreuung genutzt.

Natürlich gibt es mittlerweile deutlich auffälligere, schillerndere Firmengebäude, von wilden Designideen und ausladenden Dimensionen begleitet. Und doch hat Ivreas Industriekomplex auch heute noch etwas Besonderes, etwas Einzigartiges an sich. Erlebe Italiens Wandel im Zeichen der Industrialisierung hautnah bei einem kleinen Rundgang durch den Süden der Stadt und besuche bei der Gelegenheit auch gleich die Altstadt im Norden mit ihren nicht minder packenden Zeitzeugen. In Ivrea erlebst du mehr als zwei Jahrtausende wechselhafter Geschichte im Zeitraffer.

Die Kunst des neapolitanischen Pizzabackens

Die neapolitanische Pizza, UNESCO

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Mit der Vielfalt des UNESCO-Welterbes in Italien bist du mittlerweile bestens vertraut, kennst eine große Bandbreite an Natur- und Kulturerbestätten. Tatsächlich gibt es noch eine dritte Liste, die wir bislang weitestgehend ausgeklammert haben. Die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit behandelt kulturelle Ausdrucksformen und mündliche Überlieferungen sowie Bräuche, Feste und Handwerkskünste. Italien findet sich aktuell gleich zwölfmal auf dieser Liste, darunter Cremonas traditionelle Geigenbaukunst, die Transhumanz im Mittelmeerraum und den Alpen sowie das sizilianische Marionettentheater „Opera dei Pupi“. Wir haben uns allerdings ein immaterielles Kulturerbe herausgesucht, das nun wirklich jede*r kennen sollte: Pizza!

Willkommen in Neapel

Woher der Begriff „Pizza“ genau kommt, ist heute unbekannt. Die Spuren führen ins Langobardische, Arabische und Hebräische, aber auch zu verschiedenen italienischen Dialekten. So gibt es im Neapolitanischen den Begriff „piceà“ oder „pizzà“ für „zupfen“ mit vergleichbaren Varianten im Kalabrischen und Mittellateinischen. Das würde natürlich traumhaft passen, denn die Geschichte der Pizza ist eng mit Neapel verbunden. Vergleichbare Gerichte gab es bereits in der Jungsteinzeit, erste modernere Belege stammen allerdings von Vincenzo Corrado, der zwischen 1715 und 1725 über das neapolitanischen Würzen von Pizza und Pasta mit Tomaten schrieb. Überhaupt ist die Evolution der Pizza eng mit der wachsenden Popularität der Tomate in Süditalien verbunden.

Die neapolitanische Pizza

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Um die erste „moderne“ Pizza ranken sich spannende Mythen. Sie soll am 11. Juni 1889 in Neapel – wo auch sonst – von Raffaele Esposito zubereitet worden sein. König Umberto I. und seine Frau Margherita wünschten sich eine Pizza, die Esposito ganz patriotisch in den Farben der italienischen Nationalfarben – grüner Basilikum, weißer Mozzarella und rote Tomaten – belegte. Diese Variante heißt seither Pizza Margherita, die dazugehörige Pizzeria Brandi ist heute weltberühmt. Historiker widerlegten diese spannende Geschichte jedoch. Ein Zeitungsartikel der Washington Post aus dem Jahr 1880 berichtete vom Faible der Königin für Pizza. Sie ließ sich von verschiedenen Pizzabäckern beliefern und wählte letztlich acht Sorten aus. Esposito war bloß der einzige Pizzaiuolo, der die Empfangsbestätigung des Hofes aufbewahrte.

Gelebte Pizza-Tradition

Ein Blick auf die engere Tradition der neapolitanischen Küche kennt lediglich zwei verschiedene Pizzaarten:

  • Pizza Margherita mit Tomaten, Mozzarella g. t. S. in Streifen, Mozzarellawürfeln, Basilikum und Olivenöl
  • Pizza marinara mit Tomaten, Knoblauch, Oregano und Öl

 

Daneben gibt es noch einige weitere Varianten, welche auf die neapolitanische Tradition zurückgehen (z.B. Capricciosa, Quattro stagioni, Quattro formaggi, Calzone oder Diavola), von unzähligen regionalen Sonderformen und kuriosen Erfindungen mit ausgefallenen Belägen ganz abgesehen. Hier soll es aber nicht um eine Pizza mit Würsten, Spaghetti oder Schnitzel gehen, sondern um den Klassiker.

Um eben jenen Klassiker in Zeiten verbreiteter Tiefkühl- und Fast-Food-Pizza zu schützen, wurde 1984 die Associazione Verace Pizza Napoletana zur Wahrung der Tradition der neapolitanischen Pizza gegründet. Die weltweiten Mitglieder dieser Vereinigung dürfen ihr Produkt als „echte neapolitanische Pizza“ („Verace Pizza Napoletana“) bezeichnen, Herstellungsweise und Zutaten werden regelmäßig kontrolliert. 2005 führte die EU das Warenzeichen für die Pizza Napoletana ein, 2010 folgte der Schutz der traditionellen Zusammensetzung bzw. des traditionellen Herstellungsverfahrens als „garantiert traditionelle Spezialität“ (g. t. S.). Demnach besteht eine neapolitanische Pizza aus folgenden Zutaten:

  • Weichweizenmehl
  • Bierhefe
  • natürliches Trinkwasser
  • geschälte Tomaten und/oder kleine Frischtomaten
  • Meer- oder Kochsalz
  • natives Olivenöl extra

 

Die optionalen Zutaten, welche bei der Zubereitung ebenfalls verwendet werden können, sind:

  • Knoblauch
  • Oregano
  • frischer Basilikum
  • Mozzarella di Bufala Campana g.U. oder Mozzarella g. t. S.

 

Gebacken wird ausschließlich in Holzöfen, welche die wichtige Backtemperatur von 485 °C erreichen, zudem darf die Garzeit 60 bis 90 Sekunden nicht überschreiten. Der etwas dickere Rand ist ebenso typisch für die neapolitanische Pizza.

Ein Festtag für den Pizzagenuss

Am 7. Dezember 2017 wurde die neapolitanische Pizza und die Kunst der Pizzabäcker zum immateriellen Kulturerbe erklärt. Zur Feier des Tages gab es Gratis-Pizza in der Stadt, der 7. Dezember ist seither ein neapolitanischer Feiertag, der von einem abwechslungsreichen, mehrtägigen Programm mit Vorträgen, Schaukochen und Festakten begleitet wird. Bei ungefähr 3.000 Pizzaiuoli in der Region, von unzähligen Amateur-Pizzabäckern ganz abgesehen, ist das kein Wunder.

Falls du dich jetzt noch fragst, wie du eine Pizza richtig isst, dann hat Enzo Coccia, eine der größten Pizzalegenden Neapels, die Antwort für dich: zweimal falten wie ein Portemonnaie. So schmeckst du das Aroma des Teiges, den Mozzarella und das Olivenöl. Die Tomatensauce kann nicht hinauslaufen und du kriegst alle Geschmackskomponenten mit einem Biss. Wohl bekomm’s!

Albula- und Berninalinie der Rhätischen Bahn

Albula- und Berninalinie der Rhätischen Bahn, UNESCO

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Als erst dritte Eisenbahn weltweit wurden die Albula- sowie die Berninastrecke der Rhätischen Bahn 2008 zum Weltkulturerbe erklärt. In zwei Abschnitten geht es von Thusis im Schweizer Kanton Graubünden über den Zwischenstopp St. Moritz, wo der Umstieg von der Albula- auf die Berninalinie erfolgt, bis nach Tirano in der Lombardei. Einst öffnete die Bahn ganzen (winter-)touristischen Gebieten das Tor zur Welt, heute begeistert sie neben dem regulären Betrieb vor allem mit ihren Panoramafahrten. Hier erlebst du die Alpen aus einem ganz neuen Blickwinkel!

Zug um Zug auf über 2.000 Meter Seehöhe

Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Bergregionen und späteren Wintersportgebiete an der Grenze zwischen Schweiz und Italien weitestgehend vom Rest der Welt isoliert. Gewaltige Schluchten, mächtige Steigungen und schier unüberwindbare Felsgiganten stellten die Architekten der Rhätischen Bahn vor große Herausforderungen. Mit der Albulabahn im Jahr 1904 und der Berninabahn im Jahr 1910 wurden nicht nur zwei Hochgebirgsstrecken ins Leben gerufen, sondern meisterhafte Verkehrslösungen geschaffen. Die unzähligen Bauten – 196 Brücken und 55 Tunnels auf 122 Kilometern – zeichneten sich durch großen Innovationsgeist aus.

Albula- und Berninalinie der Rhätischen Bahn

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Die Art und Weise, wie sich diese architektonischen Meisterleistungen in die Berglandschaft einfügen, beeindruckt bis heute. Ausgeprägtes regionales Verständnis, gepaart mit kühnem Pioniergeist, sorgt für atemberaubende Harmonie – und das in Seehöhen von bis zu 2.253 Metern am Berninapass, dem höchsten Bahn-Alpenpass Europas. In vier Stunden verbinden die beiden Linien die Schweiz mit Italien, ganz ohne Zahnrad-Kletterei – eine wahrhaft innovative Schmalspurbahn, deren Faszination bis heute ungebrochen ist.

Die Albulalinie

Der erste Abschnitt dieser Weltkulturerbe-Strecke befindet sich einzig und alleine in der Schweiz. Auf 61,67 km verbindet die Albulabahn Thusis am Hinterrhein mit St. Moritz im Engadin. Die 144 Brücken verfügen über Spannweiten von bis zu zwei Metern, die 42 Tunnels und Galerien versprechen gar Spektakuläres. Es ist kaum zu glauben, dass die Bauarbeiten an dieser Strecke bereits 1898 begannen. Nach nur wenigen Kilometern überquerst du das Soliser Viadukt, mit 89 Metern die höchste Brücke der gesamten Rhätischen Bahn. Ein weiteres Happening, wenn man so will, ist der Abschnitt zwischen Bergün und Preda. Dieser überwindet eigentlich auf 6,5 km Luftlinie 417 Höhenmeter. Weil das selbst für die stärkste Bahn zu mächtig wäre, verlängerten zahlreiche Kunstbauten den Abschnitt auf zwölf Kilometer, die Strecke überquert sich in diesem Bereich gleich mehrfach selbst. Und dann ist da noch der Albulatunnel mit 5.865 m Länge, größtenteils durch mächtigen Granit gebohrt.

Übrigens hätte die Albulalinie eigentlich wesentlich länger ausfallen sollen. Geplant war eine Verlängerung über den Malojapass bis nach Chiavenna in Italien, wo wiederum ein direkter Anschluss via Comer See nach Mailand angedacht war. Vage Absichtserklärungen auf italienischer Seite, der Erste Weltkrieg und die folgende Rezession verhinderten den Ausbau. Mittlerweile verkehrt eine Postautolinie auf dieser Strecke.

Die Berninalinie

In St. Moritz steigst du in die Berninabahn um. Aufgrund unterschiedlicher Bahnstromsysteme wollen Gleise und Bahnsteig gewechselt werden, dann geht es Richtung Osten los. Mit den Arbeiten an der Berninalinie wurde übrigens erst nach Fertigstellung der Albulalinie begonnen, die Eröffnung der Gesamtstrecke erfolgte 1910 und seit 1913/14 operiert die Route auch im Winterbetrieb. Die Kosten für die Lawinenverbauungen waren in den ersten Jahren enorm, die Bahn stand mehrfach vor dem Bankrott. Erst die Übernahme durch die Rhätische Bahn 1943 entstanden zahlreiche Neubauten und Modernisierungen, um die Berninalinie zu retten.

Die erste Station in Celerina Staz ist übrigens der niedrigste Punkt entlang der Streckennordseite auf „nur“ 1.716 m Seehöhe. Für die nächsten 20 km steigt sie fast konstant an und erreicht bei Ospizio Bernina ihren höchsten Punkt auf 2.253 m. Der Weg dorthin ist kurvenreich und wechselt die Talseite mehrmals. Diverse Tunnels und Galerien beschützen den stark von Schneeverwehungen betroffenen Teilabschnitt bis ins Puschlav und leiten zudem den nahezu konstanten Abstieg in Richtung Italien ein. Besonders spektakulär sind die Kehren hinter Alp Grüm mit ihrem starken Gefälle sowie der Himmelskurve im engen 180-Grad-Winkel. Die enggebauten Ortsdurchfahrten von Sant’Antonio und Le Presse wechseln sogar auf Straßenbahn-artige Rillenschienen und verkehren stellenweise im Linksverkehr. Das Kreisviadukt unterhalb von Brusio gewinnt ein letztes Mal Höhe, bevor der Zielbahnhof Tirano auf 429 Metern über dem Meeresspiegel erreicht ist. Im Nachbarbahnhof erwartet dich bereits der Zug nach Mailand, der in ca. zweieinhalb Stunden die Hauptstadt der Lombardei erreicht.

Sehenswertes rund um die Bahnstrecke

Die Albula- und Berninalinie sind gewiss nicht für Hektiker geeignet. Aufgrund der einzigartigen Höhenlage und der engen Streckenführung auf der Schmalspurbahn solltest du mit einer Gesamtfahrzeit von etwa vier Stunden rechnen. Wir legen dir dieses Erlebnis im Sommer besonders ans Herz, denn die offenen Aussichtswägen machen den Himmel greifbar. Rund um die Route sowie in der näheren Umgebung erwarten dich zudem zahlreiche Skigebiete, Wanderregionen und Ausflugsziele, darunter:

  • Bormio: Wintersportregionen findest du an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien wie Sand am Meer, darunter Madeismo, Aprica, Livigno und Santa Caterina Valfurva. Bormio zählt aber ohne Frage zu den prominentesten Skigebieten der Alpen, nicht nur aufgrund der legendären Weltcupbewerbe auf der Pista Stelvio. 50 km präparierte Pisten laden zu rasanten Abfahrten ein.
  • Poschiavo: Das schützenswerte Ortsbild der Graubündner Gemeinde erschließt sich rund um steinplattengedeckte Häuser aus dem 16. bis 19. Jahrhundert. Dein Blick fällt unter anderem auf San Vittore, eine spätgotische Stiftskirche, die reformierte Kirche Santa Trinità sowie das Oratorium Sant’Anna mit Beinhaus – eine spektakuläre Mischung aus ansprechender Architektur und grandiosem Bergpanorama.
  • Sonico: Bestimmt kennst du unseren Weltkulturerbe-Blog zu den Felsbildern der Valcamonica, wo auf einer Länge von 25 km prähistorische Ritzungen in blanken Stein zu sehen sind. Einer der Einstiege in dieses Tal, Sonico, ist nur eine knappe Stunde vom Zielbahnhof der Berninalinie in Tirano entfernt.
  • Google Street View: Gut, Google Street View ist vielleicht keine typische Sehenswürdigkeit, aber in diesem Fall trotzdem ein besonderes Erlebnis. Im März 2012 war die UNESCO-Welterbestrecke Albula/Bernina die erste Bahnstrecke weltweit, die mit 360-Grad-Panoramafotos von zuhause aus erlebbar gemacht wurde. Dieses virtuelle Highlight erwartet dich unter rhb.ch.

 

Eine Fahrt mit der Albulalinie und der Berninalinie entschleunigt auf wundersame Weise. Dein Blick fällt auf eindrucksvolle architektonische Errungenschaften, gewaltiges Gefälle, mächtige Felsgiganten und wilde, unbezähmbare Natur, von kleinen, sympathischen Ortschaften umgeben. Gemeinsam mit den diversen Ausflugszielen in der Region solltest du dir diese Genussfahrt auf keinen Fall entgehen lassen!

UNESCO-Weltkulturerbe Val d‘Orcia

Mit dem Sieg des Stadtstaates Siena über das Feudalgeschlecht der Aldobrandeschi brach eine neue Zeitrechnung in der Region an. Siena baute nicht nur seine Hauptstadt gewaltig aus, sondern legte ebenso großen Wert auf den repräsentativen Charakter des Hinterlandes. Im Rahmen der Besiedlung im 14. und 15. Jahrhundert wurde das Val d’Orcia stark umgebaut und weiterentwickelt, um die perfekte Mischung aus ästhetischem Landschaftsbild und idealisiertem Regierungsmodell zu finden. Das Val d’Orcia inspirierte zahlreiche Renaissance-Künstler zu prächtigen Landschaftsbildern und ist auch heute noch ein beliebtes Reiseziel. Selbst die UNESCO erkannte die Einzigartigkeit dieser Region und erklärte sie 2004 zum Weltkulturerbe.

Geschichte des Val d‘Orcia

Val d‘Orcia, UNESCO

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Bereits in der Antike wurde das Val d’Orcia als Teil der Via Cassia, die Verbindungsstraße von Rom in die Toskana, durchquert, später erreichte sie als Etappe des Frankenwegs zusätzliche Bedeutung. Auf den Pilgerreisen vom Frankenreich nach Rom wurde hier bevorzugt Halt gemacht. Die große Umgestaltung, wie bereits erwähnt, begann allerdings erst mit der Übernahme durch den Stadtstaat Siena. Im 14. und 15. Jahrhundert wuchs Corsignano zu Pienza an, die prächtige Konkathedrale Santa Maria Assunta entstand. Zudem begann man mit dem schrittweisen Ausbau der vier weiteren Ortschaften im Tal – Castiglione d’Orcia, Montalcino, Radicofani und San Quirico d’Orcia.

Die Bedeutung des Stadtstaates für die schönen Künste kann nicht oft genug betont werden. Natürlich profitierte vor allem die zunächst vornehmlich gotisch geprägte Malerschule von Siena von den Gönnern und Förderern, mit dem Einsetzen der Renaissance und der Eingliederung in das Großherzogtum Toskana entwickelte sich das Val d’Orcia allerdings zum überaus beliebten Reiseziel für Maler aus dem ganzen Land. Unter der Ägide der Medici blühte die Region noch stärker auf, nicht zuletzt durch infrastrukturelle Verbesserungen an der Via Cassia und am Frankenweg. Zahlreiche Künstler hielten die attraktive Mischung aus kegelförmigen Hügeln und weiten, landwirtschaftlich genutzten Flächen auf ihren Leinwänden fest. Die Harmonie von Mensch und Natur entwickelte sich zum beliebten Leitmotiv.

Ausflug nach Pienza

Vielleicht kennst du bereits unseren Blog zum historischen Zentrum von Pienza, das schon 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Wir möchten uns daher gar nicht zu lange mit dieser sympathischen kleinen Planstadt aufhalten, und doch haben wir uns ein paar Highlights herausgegriffen, die du dir auf keinen Fall entgehen lassen solltest:

  • Santa Maria Assunta: Der Dom von Pienza ist ohne Frage das architektonische Meisterwerk des Val d’Orcia. Hier treffen Renaissance-Kunst und nordalpine Gotik auf typisch toskanische Ordnung. Baumeister Bernardo Rosselino wusste recht wenig über die strengen Gotik-Bauregeln. Das Ergebnis: ein mehr als ansprechender Stilmix von der Fassade bis zur Ausstattung.
  • Palazzo Pubblico: Ursprünglich zu rein repräsentativen Zwecken erbaut – Pienza brauchte ein Rathaus, um seinen Stadtstatus zu sichern – vermittelt dieser kleine Palast zwischen den religiösen und weltlichen Bereichen der Piazza Comunale.
  • Palazzo Piccolomini: Atemberaubend schöne Renaissance-Ideale statten den Innenhof aus. Ein Spaziergang durch den Hof mit Garten und Bogengang weiß immer wieder aufs Neue zu begeistern.
  • Palazzo Vescovile: Papst Pius II. wollte hier ursprünglich besuchende Bischöfe beherbergen. Heute befinden sich mehrere Museen in diesem Palast. Gezeigt werden unter anderem religiöse Artefakte, Malerei aus dem 12. bis 15. Jahrhundert sowie regionale Textilarbeiten.

 

Weitere Ortschaften im Val d‘Orcia

Bestimmt kennst du Pienza bereits zur Genüge, aber wie sieht es mit den vier anderen Ortschaften im Val d’Orcia aus? Diese wollen wir dir natürlich nicht vorenthalten:

  • Castiglione d’Orcia: Die verschlafene kleine Ortschaft liegt auf einem Hügel und ist schon von weitem sichtbar. Einst eine wichtige Etappe des Frankenwegs, triffst du auch heute noch auf ursprüngliche, mittelalterliche Schönheit mit zahlreichen engen Gassen und kleinen Plätzen. Du parkst am Rande des Ortskerns am Parco della Rimembranza und genießt den tollen Fernblick von der kleinen Kapelle am Parkhügel. Im Pieve dei Santi Stefano e Degna befanden sich einst bedeutende Werke von Lorenzetti und Vecchietta, die du mittlerweile in der Pinakothek von Siena bewundern kannst.
  • Montalcino: Einst war Montalcino von einer gewaltigen Stadtmauer aus dem 13. und 14. Jahrhundert mit sechs Toren umgeben. Viele Passagen sind zumindest noch in Teilen vorhanden und geben dir, gemeinsam mit der gewaltigen Festung, einen Eindruck von den monumentalen Dimensionen der einstigen Befestigungsanlage. Heute geht es hier etwas gemächlicher zu, in der Umgebung wird vornehmlich besonders leckerer Honig produziert. Neben dem Duomo di Montalcino erwarten dich neun weitere Kirchen im Ortsgebiet.
  • Radicofani: Einst hatte Radicofani große Bedeutung als Durchreiseort von Pilgern sowie als Befestigungsanlage Sienas. Die Festung wurde zwar im April 1555 komplett zerstört, aus der Ruine entstand jedoch ein tolles Museum. Lass dir das 360°-Panorama mit Blick auf die umliegenden Berge und Hügel auf keinen Fall entgehen! Ein kleiner Abstecher in die Pieve San Pietro mit verschiedenen Werken von Künstlern aus dem 15. und 16. Jahrhundert sollte ebenfalls Pflicht sein.
  • San Quirico d’Orcia: Im Herzen des Val d’Orcia liegt dieser Ort mit seinen weiten landwirtschaftlichen Flächen – hier wird unter anderem hervorragender wilder Spargel kultiviert – sowie unzähligen Kirchen und Kapellen. Die Collegiata-Kirche aus dem 12. Jahrhundert erhebt sich inmitten der vielen mittelalterlichen Gebäude. Hochgotische Elemente, für die italienische Kunst untypische Mischwesen sowie Knotensäulen an der Fassade und den Portalen weisen auf unterschiedliche Entstehungsphasen hin. Im Inneren staunst du über die Fülle an Gemälden und Fresken, darunter die wunderschöne „Madonna col Bambino in Trono e quattro Santi“ des Renaissance-Malers Sano di Pietro.

 

Ein Urlaub für aktive Genießer

Val d‘Orcia

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Du wünscht dir ein wenig Abwechslung und möchtest zwischen deinen Ausflügen in die malerischen Ortschaften des Val d’Orcia etwas erleben? Die Region ist ein Traum für Wanderer und Radfahrer mit ihren weiten Ebenen und gelegentlich durchaus herausfordernden Anstiegen. Wir würden dir jedoch empfehlen, an besonders heißen und sonnigen Tagen auf längere Touren zu verzichten, da es im Tal nur wenig Schatten gibt. Im Frühjahr und im Herbst lohnen sich Stopps in Bagni San Filippo und Bagno Vignoni, wo warmes Thermalwasser müde Sportler wieder beflügelt. Das Val d’Orcia ist zudem eine wichtige Pecorino-Region. Du kannst den beliebten Hartkäse in den verschiedensten Reifestufen kaufen. Einen Teller Pici (dicke Spaghetti mit pikanter Beilage) oder eine herzhafte Portion Ravioli con Ricotta (gefüllte Pfannkuchen, optional mit Fleisch und/oder mit Käse überbacken) solltest du dir nicht entgehen lassen.

Das Val d’Orcia ist Pflicht in deinem nächsten Toskana-Urlaub. Zwischen landschaftlicher Schönheit, beflügelndem Sportangebot und vielen wunderschönen Ortschaften wirst du schnell in den Bann dieser einzigartigen Region gezogen. Unser Tipp: Nimm dir zwei bis drei Tage für das Val d’Orcia Zeit, wenn du das nächste Mal in Florenz oder Siena bist. Es lohnt sich!