Su Nuraxi di Barumini

Su Nuraxi di Barumini, UNESCO

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Die Urgeschichte Sardiniens hinterließ vielfältige Spuren auf der Insel, die es zu entdecken gilt. Sie reicht viele tausende Jahre zurück und lässt sich heute auf wundersame Weise im Zeitraffer erleben. An der Küste und im Hinterland erwarten dich zahlreiche Monumente und Ruinen, begleitet von eigenen Ausstellungen in den Museen der Inseln, welche dich in längst vergangene Tage entführen. Zu den wohl wichtigsten und spektakulärsten Relikten zählen die sogenannten Nuraghen – Turmbauten, die wohl in der Bronzezeit entstanden. Der imposante Komplex Su Nuraxi di Barumini gilt seit 1997 sogar als UNESCO-Weltkulturerbestätte und ist Ziel unserer heutigen Reise.

Bonnanaro-Kultur und Nuraghenkultur

Diese frühgeschichtlichen Turmbauten sind eng mit zwei Kulturen verbunden, welche eine wichtige Rolle in der Entwicklung Sardiniens spielten. Zunächst dominierte die Bonnanaro-Kultur (2.200 bis 1.600 v. Chr.) das Leben auf der Insel. Sie markierte den Übergang von der Kupferzeit zur frühen Bronzezeit und war vor allem für ihre schlichte Keramik bekannt, deutlich von der norditalienischen Polada-Kultur beeinflusst. In dieser Zeit entstanden die Tomba di Giganti, Vorboten der Gigantengräber, sowie Urformen der Nuraghen. Spuren der Bonnanaro-Kultur wurden erst vergleichsweise spät entdeckt; Ausgrabungen erster Nekropolen fanden am Ende des 19. Jahrhunderts statt.

Die Nuraghenkultur knüpfte direkt an die Bonnanaro an und dauerte, je nach geographischer Lage, teils sogar bis zur Eroberung durch das Römische Reich an. Es gibt keine geschriebenen Überlieferungen, anhand derer sich die Geschichte der Nuraghenkultur genau nachzeichnen ließen, einzig einige wenige Zeugnisse in der klassischen griechischen und römischen Literatur. Während einige Faktoren dieser Kultur somit wohl auf ewig im Dunkeln bleiben werden, hinterließ ihr Faible für gigantische Bauten entsprechende Spuren. Die Nuraghenkultur entwickelte die Gigantengräber weiter – beispielsweise Muraguada und Madau – und gab den sardinischen Felsengräbern den Feinschliff. Ihre wichtigste architektonische Errungenschaft gab der Kultur ihren Namen: die imposanten Nuraghen. Sie sollten sich im Übergang zur Eisenzeit weiterentwickeln, bevor die Karthager und schließlich die Römer sardinische Städte angriffen. Die Insel ergab sich nach einer vernichtenden Niederlage im Ersten Punischen Krieg um 238 v. Chr., die Nuraghenkultur sollte kurz darauf verschwinden. Einzig im Landesinneren überlebte sie noch bis in die Zeit des Römischen Imperiums.

Bedeutung der Nuraghen

Die Nuraghenkultur hatte also einen Hang zu gewaltigen, überdimensionalen Bauten. Warum aber waren die namengebenden Nuraghen so wichtig für ihre Gesellschaft? Woher der Begriff Nuraghe genau kommt, ist heute leider unbekannt. So sollen ihn bereits die Römer im 3. Jahrhundert v. Chr. verwendet haben, die etymologische Bedeutung liegt jedoch im Dunkeln. Es könnte sich dabei um ein punisches Wort oder eine auf „Haufen“ oder „Höhle“ basierende Wortkreation handeln. Über 7.000 Nuraghen wurden bis heute gefunden. Forscher glauben sogar, dass es einst mehr als 10.000 gab.

Diese Gebäude aus unbehauenem Stein dominieren also bis heute das Landschaftsbild Sardinien. Und doch lässt sich nicht viel über ihre genaue Bedeutung sagen. Die turmartigen Gebilde dienten, so eine weitverbreitete Theorie, möglicherweise als Abwehrfestungen, andere sehen in ihnen Paläste oder Tempel. Sie könnten auch „nur“ Statussymbole gewesen sein, welche die Macht der Nuraghenkultur betonten. Jüngste Forschungen enthüllten ein geographisches Naheverhältnis zu Sternbildern, vermutlich Alpha Centauri, sowie eine Ausrichtung gen Sonnenaufgang zur Wintersonnenwende. Was auch immer ihre genaue Bedeutung war, Archäologen sind sich einig, dass die Nuraghenkultur die wohl fortschrittlichste ihrer Zeit im westlichen Mittelmeerraum war.

Über den Nuraghen-Komplex Su Nuraxi

Su Nuraxi di Barumini

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Nach diesen Ausführungen wirst du wohl kaum überrascht sein, dass die genaue Bedeutung von Su Nuraxi di Barumini heute ebenfalls im Dunkeln liegt – Forscher gehen vornehmlich von einer Festungsfunktion oder einer religiösen Kultstätte aus. Der besterhaltene Groß-Nuraghen-Komplex entstand vermutlich im 17. Jahrhundert v. Chr. und besteht aus vier Außentürmen sowie einem zentralen Nuraghe. Rundherum entwickelte sich ein Dorf, das wohl vom 13. bis 6. Jahrhundert v. Chr. von bis zu 1.000 Bewohnern bevölkert wurde.

Bei einer geführten Tour durch den Nuraghen-Komplex – diese werden nur in kleinen Gruppen angeboten, weswegen du möglichst frühzeitig reservieren solltest – ist der zentrale Turm auf der Marmilla-Anhöhe natürlich dein erster Anlaufpunkt. Rund um die Außentürme befinden sich Überreste neun weiterer Turmbauten – über die Dimensionen von Su Nuraxi lassen sich somit nur Vermutungen anstellen. Unzählige weitere Vorwerk-Türme und Turmruinen lassen Rückschlüsse auf die Entstehungszeit zu, während die verschiedenen Mauerringe wohl erst später entstanden. Spannend gestalten sich auch die modernsten Abschnitte des Dorfes, das unter orientalischem Einfluss erweitert wurde. Ebenso siehst du Kampfesspuren – Su Nuraxi di Barumini wurde nach 600 v. Chr. von den Puniern zerstört. Wenn du genau hinsieht, erspähst du sogar Anzeichen späterer Nutzung, u.a. in römischer Zeit und im Mittelalter.

5 weitere Nuraghen auf Sardinien

Bei ca. 7.000 „überlebenden“ Nuraghen bist du natürlich auch gespannt, wo du weitere urzeitliche Gebäude- und Turmkomplexe erblicken kannst. Eine komplette Liste würde natürlich den Rahmen sprengen, aber ein paar ausgewählte Highlights wollen wir dir dennoch ans Herz legen:

  • Santu Antine: Die Anlage wird im Volksmund auch „Sa Domo de su Re“ (dt. „Haus des Königs“) genannt – eine Anspielung auf ihre mächtigen Dimensionen. Selbst in der Römerzeit war die bronzezeitliche Nuraghe besiedelt. Der gewaltige Hauptturm ist nach wie vor gut erhalten.
  • Arrubiu: Der größte Nuraghen-Komplex auf Sardinien umfasst stolze 3.000 m². Fünf sekundäre Türme rund um den Zentralturm und zwölf weitere Türme in der Außenmauer erwarten dich hier ebenso wie Überreste zusätzlicher Außentürme, welche die Zeiten nicht so gut überstanden.
  • La Prisgiona: Die Ausgrabungsarbeiten an dieser Großnuraghe dauern bis heute an. Neben den Türmen beeindruckt vor allem das gewaltige Dorf mit ca. 90 Einzelbauten, das wohl sogar noch in der römischen Kaiserzeit genutzt wurde.
  • Albucciu: Erst um 1960 ausgegraben, stellt diese Protonuraghe eine Besonderheit dar. Sie erinnert einerseits an einen korsischen Torre und weicht andererseits in der Anordnung ihrer Räumlichkeiten von so ziemlich allen anderen Nuraghen ab.
  • Palmavera: Neben den Türmen und dem Dorf fällt dein Blick gewiss auf die hervorragend erhaltene Rundhütte oder Versammlungshütte. Sie wurde wohl rund um eine Art heiligen Stein errichtet und weist Spuren von Töpfer- und Metallarbeiten auf.

 

Ihre genaue Bedeutung liegt heute im Dunkeln, und doch – vielleicht aber auch gerade deswegen – strahlt der Nuraghen-Komplex Su Nuraxi di Barumini ungebrochene Faszination aus. Bei deiner Tour durch diese altehrwürdige Siedlung kannst du den Wandel der Zeit förmlich spüren und tauchst tief in die Frühgeschichte der Insel ein. Verbinde deinen Ausflug zu Su Nuraxi doch mit einem Sardinien-Urlaub – weitere Nuraghen, zahlreiche andere Sehenswürdigkeiten und Städte, und, natürlich, die herrlichen Strände, erwarten dich bereits!

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