Kunststadt Livorno – Idealstadt vieler Festungen

Die Kunststädte der Toskana sind weithin für ihren Reichtum, ihre beeindruckende Fülle an Sehenswürdigkeiten und geheimen Schätzen sowie ihre wechselhafte, aufregende Geschichte voller Aufs und Abs bekannt. Livorno bricht ein wenig mit der vermeintlichen Norm. Die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz diente lange Jahrhunderte als Vorort und Verteidigungsanlage, blühte erst spät als Freihafen und Handelszentrum auf, nur um zerstört und unter großen Mühen zumindest zu weiten Teilen wiederaufgebaut zu werden. Heute lädt die Kunststadt Livorno zu ausgedehnten Stadttouren mit zahlreichen Geheimorten, mit weit offenen Plätzen und einem Hauch von Venedig ein – sehr ungewöhnlich, sehr attraktiv. Und definitiv das perfekte Ziel für deinen nächsten Städteurlaub.

 

Die Idealstadt und ihr Freihafen

Durch seine ideale Küstenlage zog die Gegend rund um Livorno schon früh Siedler an, wie Funde aus der Jungsteinzeit belegen. In der Nähe des heutigen Hafens ließen sich die Römer während des Baus der Via Aurelia nieder und benannten die Siedlung wohl nach dem römischen Kriegsschifftyp Liburne. Erst im Jahr 1017 wurde Livorno (als Livorna) erstmals urkundlich erwähnt. Das kleine Küstendorf ging später an die Seerepublik Pisa, diente als wichtiger Fischerort und Verteidigungsposten, und baute seine maritime Rolle aus, als der Pisaner Hafen zunehmend versandete. Mehrfach während Schlachten zerstört, gelangte Livorno über Umwege 1421 an Florenz.

 

Während der Herrschaft der Medici blühte die Stadt auf. Livorno galt als wichtiger Zugangspunkt zum Meer und entfuhr entsprechende Ausbauten des Hafens, später folgten Festungsanlagen. Erst ab 1571 wurde der Ort als „ideale Stadt“ von den Großherzögen Cosimo I. und Francesco I. angelegt. Rechtwinkelige Straßen durchziehen heute noch die Altstadt. Nach dem Erlass der Leggi Livornine, die unter anderem Händlern jeglicher Herkunft unter anderem Glaubensfreiheit und verschiedene Privilegien zusicherten, entwickelte sich Livorno zur multikulturellen und multireligiösen Stadt. Die Erklärung zum Freihafen 1657 führte zu einer Blütezeit, die bis zur Eingliederung ins Königreich Italien andauern sollte. Im Zweiten Weltkrieg durch Bombardements schwer beschädigt und bis heute nicht vollständig aufgebaut, entwickelte sich das modern wiedererrichtete Livorno zur Fremdenverkehrsstadt. Der Hafen zählt nach wie vor zu den wichtigsten des Landes.

 

Venezia Nuova und die Verteidigungsanlagen

©Bigstock.com/Madrabothair

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Angesichts der massiven Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg verlor Livorno einiges seiner ursprünglichen Bausubstanz. Die alte Stadtanlage der Medici lässt sich allerdings weiterhin prima erkennen. Sie umfasst mehrere große militärische Verteidigungssysteme sowie ein komplettes Stadtviertel, das den Gedanken einer fünfeckigen Idealstadt nach Plänen von Bernardo Buontalenti (das sogenannte „Pentagono del Buontalenti“) gekonnt weiterentwickelte und auf eine neue Ebene hievte. Hier einige – sorry – Eckpunkte:

  • Venezia Nuova: 1629 ergriff Großherzog Ferdinando II. de‘ Medici die Gelegenheit, die Stadt gen Norden zu erweitern, beim Schopf. Venezia Nuova wurde geschaffen, um dem Hafengebiet und dem florierenden Handel mehr Platz einzuräumen. Wie der Name vermuten lässt, ließ man sich beim Bau des neuen Rione von Venedig inspirieren und legte ein Netzwerk an Häusern und Kanälen zum Warentransport an, wofür eigens Fachkräfte aus Venezien importiert wurden. Die engen Straßen, zahlreichen Brücken und vielen Kanäle blieben erhalten.
  • Fortezza Vecchia: Venezia Nuova sollte an die alten Verteidigungsanlagen der Stadt angebunden werden, und die älteste von ihnen ist Fortezza Vecchia. Rund um einen gewaltigen Turm aus dem Jahr 1077 errichtet, ließen die Pisaner hier zunächst eine ausladende Festung erbauen, später von den Medici erweitert und um einen Palast erweitert. Die umfangreich restaurierte Anlage dient mittlerweile vor allem als Veranstaltungszentrum.
  • Fortezza Nuova: Großherzog Cosimo I. ließ zwei alte Bollwerke zur neuen Festung ausbauen, ab 1590 deutlich modifiziert und zur stattlichen Fortezza Nuova erweitert, die schließlich das neue Stadtviertel Venezia Nuova beschützten sollte. Mittlerweile beherbergt die Anlage einen großen Park.

 

Plätze und Paläste

Als Idealstadt besitzt Livorno nicht nur viele alte Gebäude – teils aus der Not stark modernisiert – sondern zudem viele weite Plätze mit großer historischer Bedeutung und magischen Palästen als packende Eye-Catcher. Und die willst du selbstverständlich auf keinen Fall verpassen.

  • Piazza della Repubblica: Irgendwann reichte das alte Pentagono del Buontalenti nicht mehr aus. Livorno musste wachsen und erhielt neue Bezirke im Osten. So wurde 1844 ein neuer Platz geschaffen, der Alt und Neu verband und sogar die Kanalstruktur überspannte. Die Piazza della Repubblica mit ihren 52 Marmorbänken, 92 Säulen und diversen Statuen zieht magisch an.
  • Terrazza Mascagni: Entlang der Uferstraße Viale Italia entstanden bereits zu Medici-Zeiten erste Strukturen, über die Jahrhunderte mehrfach umgebaut und mittlerweile in eine Meeresterrasse umgewandelt. Bei einem Spaziergang über die Terrasse stechen der Ausblick auf das Meer sowie die Hügel von Livorno ins Auge – perfekt um die Seele etwas baumeln zu lassen.
  • Palazzo Comunale: Einer der ältesten noch existierenden Paläste der Stadt geht, du wirst es bereits erraten haben, auf die Medici zurück, wurde allerdings erst ab 1720 erbaut und in späteren Jahren mehrfach erweitert. Der Neorenaissance-Palast auf der Piazza d’Arme diente als Versammlungsort für die verschiedenen Repräsentanten der Stadt und „verschluckte“ in späteren Jahren weitere Gebäude, darunter eine alte Feuerwache.

 

Noch mehr Sehenswürdigkeiten in Livorno

©Bigstock.com/milosk50

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Wie, schon vorbei? Ganz und gar nicht, denn wir haben noch ein paar weitere Schönheiten für dich, die du definitiv besuchen solltest!

  • Duomo di Livorno: Im Herzen der Altstadt, auf der Piazza Grande, entstand zwischen 1594 und 1606 die unter anderem Franz von Assisi gewidmete Kathedrale. Ursprünglich als Kirche angedacht, folgte im frühen 19. Jahrhundert die Erweiterung zum Duomo samt hohem Turm. Beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg orientierte man sich vor allem an den Originalplänen.
  • Chiesa della Madonna: Auf dem Weg von der Altstadt zur Venezia Nuova erwartet dich diese Kirche, die der Legende nach für eine Karmeliten-Statue errichtet wurde. Die verschiedenen Altäre sind echte Blickfänge, während die Fassade – erst 1972 mit weißem Marmor überzogen – relativ schlicht ausfällt.
  • Monumento dei quattro mori: Das „Denkmal der vier Mohren“ gilt als Wahrzeichen Livornos. Es besteht aus einer Steinstatue des Großherzogs Ferdinand I., um den herum vier in Ketten gelegte Piraten dargestellt sind. Nach mehreren Seeschlachten gegen Barbaresken-Piraten erbaut, wurde dieses Monument während des Zweiten Weltkriegs an einen sicheren Ort gebracht.
  • Cisternoni di Livorno: Zwischen 1829 und 1848 entstanden drei neoklassizistische Gebäudekomplexe, welche die Wasserversorgung Livornos absichern sollten („cisternoni“ heißt so viel wie „große Zisternen“). Unweit der Fortezza Nuova entstand die Cisternino di città, eine Art Gegenpol zur Eleganz der Zeit, allerdings nie als Zisterne verwendet. Hier befindet sich mittlerweile ein Kulturzentrum.

 

Livorno ist eine in vielerlei Hinsicht spezielle Stadt. Während von den antiken Wurzeln herzlich wenig zu sehen ist, erwartet dich ein ungewöhnlicher Mix aus Renaissance- und neoklassizistischer Architektur mit modernen Elementen sowie weiten Plätzen und faszinierender Kanalstruktur. Livorno bietet sich für lange Spaziergänge mit tollen Entdeckungen und vielen verborgenen Schätzen ein – eine etwas andere Kunststadt mit eigenwilligem Charme.

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