Die versteckte Kunststadt Prato in der Toskana

©Bigstock.com/bbsferrari

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Es gibt viele wunderschöne Kunststädte in der Toskana mit packender Geschichte und einzigartiger architektonischer Vielfalt, die Jahr für Jahr unzählige Gäste aus aller Welt anziehen. Tatsächlich vergessen viele auf die zweitgrößte Stadt der Region, wohl auch aufgrund der direkten Nachbarschaft zu Florenz. Das nur 17 km entfernte Prato mit seinen ca. 195.000 Einwohnern ist allerdings für sich eine geradezu magische Kunststadt, die eine Fülle attraktiver Paläste und Kirchen rund um die Fußgängerzone in der Innenstadt zu bieten hat. In Verbindung mit unzähligen Geschäften und Boutiquen, vor allem im Textilbereich, sowie der hervorragenden regionalen Küche solltest du Prato unbedingt einen Besuch abstatten. Wir verraten dir, was dich im Norden der Toskana erwartet.

 

So entstand das Industriezentrum Prato

Pratos Geschichte ist relativ schnell abgehandelt. Das Gebiet war bereits in der Altsteinzeit besiedelt, die Etrusker betrieben hier Woll- und Textilhandel, doch spielte die Region danach keine große Rolle. Die eigentliche Geschichte Pratos beginnt im 10. Jahrhundert mit der erstmaligen Erwähnung der Dörfer Borgo al Cornio und Castrum Prati. Von der Alberti-Familie vereint, die fortan den Titel „Grafen von Prato“ führen durften, schwang sich das Gebiet in der nun trockengelegten und zugleich mit Flusswasser versorgten Ebene zum Woll- und Textil-Emporium auf. Francesco Datini errichtete in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts hier sein gewaltiges Handelsimperium und hinterließ das größte Kaufmannsarchiv des Spätmittelalters, eine Sammlung von über 152.000 Dokumenten und Korrespondenzen zu seinen Geschäftsbeziehungen.

 

Zu diesem Zeitpunkt gehörte Prato bereits zur Republik von Florenz, nachdem Johanna I. von Neapel die Stadt für 17.500 Goldmünzen an diese verkauft hatte. Das offizielle Stadtrecht wurde 1653 erteilt, im Folgejahrhundert erhielt Prato reiche Verzierungen und Verschönerungen, um den neuen Status und den Reichtum zu unterstreichen. Nach der Einigung Italiens schwang sich die Stadt zum wichtigen Industriezentrum auf, speziell im Textilbereich, und war beliebtes Ziel von Einwanderern – zunächst aus dem Süden Italiens, später aus anderen Ländern. Heute lebt unter anderem eine sehr große chinesische Gemeinde in Prato.

 

Pratos Kirchen und Kathedralen

Auffällig ist der hohe Anteil an Sakralbauten in Prato, ein charakteristisches Merkmal für viele toskanische Städte. Wir haben sieben spannende Kirchen und Kathedralen für dich herausgesucht:

  • Duomo di Prato: Die Wurzeln der städtischen Kathedrale liegen vermutlich im 5. Jahrhundert, die heutige Fassade aus weißem Alberese-Marmor und grünem Serpentino-Marmor stammt allerdings aus dem Spätmittelalter. Hinter dem gewaltigen Portal verbirgt sich eine dreischiffige Basilica minor mit einem prächtigen Freskenzyklus von Filippo Lippi.
  • Santa Maria delle Carceri: Pratos zweite Basilica minor wurde hingegen erst in der Renaissance erbaut. Den strengen Formen eines griechischen Kreuzes folgend, erwartet dich ein eindrucksvolles, archetypisches Abbild der Epoche, wenngleich Teile der Fassade unvollständig blieben.
  • Sant‘Agostino: Zugegeben, die schlichte Fassade mit Fensterrose und Glockenturm übt keine sonderliche Anziehungskraft an. Dahinter verbergen sich jedoch zahlreiche Gemälde und Fresken mit großem künstlerischen Wert.
  • San Domenico: Die feinen Künste spielen auch in San Domenico eine zentrale Rolle, denn neben Matteo Rossellis Gemälden in der Kirche beheimatet das angeschlossene Museum verschiedene Wandfresken.
  • San Francesco: Anfang des 20. Jahrhunderts wurden weite Teile der barocken Dekoration im Innenraum entfernt, um die mittelalterlichen Wurzeln freizulegen. Niccolò Gerinis Fresken in der Kapelle alleine machen einen Besuch dieser Kirche wert.
  • San Fabiano: Eine der ältesten noch existierenden Kirchen Pratos wurde bereits 1082 erwähnt. Der Mosaikboden ist allerdings sogar älter und entstand zwischen dem 9. und dem 11. Jahrhundert.
  • Santi Vincenzo e Caterina de‘ Ricci: Während die ursprüngliche Kirche aus dem 16. Jahrhundert, für ein angeschlossenes Kloster erbaut, eine recht übersichtliche Angelegenheit war, erhielt sie nach der Seligsprechung von Caterina de‘ Ricci eine Generalüberholung. Die Überreste der Heiligen sind unter dem Hauptaltar ausgestellt. Prächtige Skulpturen und Deckenmalereien statten die Kirche aus.

 

Die Paläste und Museen

Natürlich reicht das bereits für eine packende Stadttour, doch hat Prato noch so viel mehr zu bieten. Hier sind einige weitere Zutaten für deinen genüsslichen Spaziergang durch die Kunststadt:

  • Palazzo Pretorio: Das alte Rathaus, ein Zusammenschluss dreier Gebäude im ausgehenden 13. und einsetzenden 14. Jahrhundert, lässt an der Fassade noch die Konturen der Ursprungsbauten erkennen. Seit 1912 ist das prächtige Museo Civico mit einer großen Kunstsammlung vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert im Palast untergebracht.
  • Palazzo Datini: Erinnerst du dich noch an Francesco Datinis Kaufmannsarchiv? Gefunden wurde es im 19. Jahrhundert in einer Wand dieses Palastes. Heute befinden sich die Dokumente im Archiv Pratos, das seinen Sitz – du wirst es bereits erraten haben – im Palazzo Datini hat. Das Erdgeschoß mit seinen Gemälden und Fresken dient hingegen als Museum.
  • Palazzo degli Alberti: Dieser mehrfach umgebaute und erweiterte Palast weist an der Fassade Spuren diverser Bauphasen vom 13. bis zum 19. Jahrhundert auf. Die Kunstgalerie im Palazzo widmet sich vornehmlich toskanischer Barockmalerei.

 

  • ©Bigstock.com/Marcovarro

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    Castello dell‘Imperatore: Friedrich II., Kaiser des römisch-deutschen Reichs, ließ diese Festung auf einer alten Befestigungsanlage im Stadtzentrum Pratos erbauen. Das am weitesten nördlich gelegene Schloss seines Herrschaftsgebiets bliebt nach dem Tod des Kaisers jedoch unvollständig. Wir empfehlen dir den Aufstieg zu den Festungsmauern für einen Rundgang inklusive traumhafter Aussicht auf die Stadt.

  • Museo dell’Opera del Duomo: Die alte bischöfliche Residenz Pratos führt nun durch sechs Museumsräume, welche die Kirchengeschichte der Stadt nachzeichnen. Dich erwarten verschiedene Statuen, Gemälde und Reliquien, die teils sogar bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Ein Rundgang durch die Gewölbe und Gruften unter dem Duomo ist Pflicht.
  • Villa Medici: Zum Abschluss wagen wir uns ins benachbarte Poggio a Caiano, ca. neun Kilometer südlich von Prato gelegen. Der Sommersitz der Medici gilt als Vorbild der Renaissance-Villenarchitektur und orientierte sich stark an den von Plinius und Vitruv beschriebenen Villen der Antike. Mittlerweile dient die Anlage mit ihrem teils geometrischen, teils englischen Garten als großes Museum.

 

Prato ist also alles andere als unscheinbar und wird zu Unrecht etwas stiefmütterlich behandelt. Das Industriezentrum im Norden der Toskana geizt jedoch keineswegs mit seinen Reizen und sollte unbedingt Teil deiner Urlaubspläne sein. Gewiss wird diese sympathische Kunststadt dich schnell in ihren Bann ziehen.

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