Die etruskischen Nekropolen von Cerveteri & Tarquinia

Etruskische Nekropolen von Cerveteri und Tarquinia, UNESCO

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Wenn du an Italiens antike Geschichte denkst, fällt natürlich zunächst der Name Rom. Die einstige Weltmacht, das gewaltige Imperium, das einzigartige architektonische und kulturelle Erbe – aber was war eigentlich vor den Römern? Die Etrusker besiedelten das nördliche Mittelitalien von ca. 800 v. Chr. bis in die zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. und hinterließen faszinierende kulturelle Zeugnisse, die auch heute noch mit großem Interesse erforscht werden, nicht zuletzt aufgrund der vielen damit verbundenen Rätsel. Die alten Friedhöfe und die Bestattungspraktiken der Etrusker gelten als besonders faszinierend, und so dürfte es dich kaum überraschen, dass die etruskischen Nekropolen von Cerveteri und Tarquinia, zwei überaus prächtige Beispiele dieser Stätten, seit 2004 als UNESCO-Weltkulturerbestätte gelten.

Über die etruskische Kultur

Wie die etruskische Kultur tatsächlich nach Etrurien, so der Name ihres Kernlands, das sich über weite Teile der heutigen Toskana sowie das nördliche Latium und ein Stück von Umbrien erstreckte, gelangte, ist unklar. Allerdings dürften Einwanderung der Bevölkerung und Entstehung der Kultur in kurzer Abfolge passiert sein. Bis heute ranken sich mehrere Theorien um die Geburt der Etrusker – von der Einwanderung aus Lydien (heutige Türkei) bis zum Hervorgehen aus der eisenzeitlichen Villanova-Kultur Bolognas. Erste Belege in Form von Grabfunden stammen aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. Anhand verschiedener Nekropolen zeigten sich mitunter starke Einschnitte im Bestattungsritus. Verschiedene Praktiken wurden teils parallel, teils nacheinander durchgeführt und dienen der historischen Einordnung der diversen Stätten.

Tatsächlich weiß man heute viel zu wenig über die Etrusker. Bauliche Hinterlassenschaften sind leider Mangelware – einzelne Fundamente hier und da, vor allem von Tempeln – dazu kommen so manche Kunstgegenstände, welchen den Übergang von der orientalischen zur griechischen Prägung der Kultur zeigen. Ebenso gilt die Sprache mangels ausführlicher Überlieferungen bestenfalls als rudimentär erforscht. Nicht zuletzt deswegen übt die etruskische Kultur bis heute eine ungebrochene Faszination auf die Forschung aus. Sie mag durch die Assimilation ins Römische Reich nach Bündnisverträgen in vorchristlicher Zeit weitestgehend verschwunden sein – die Gewährung uneingeschränkter Bürgerrechte um 90 v. Chr. schloss das etruskische Kapitel formal ab – und doch gestaltet sich die Suche nach Spuren nach wie vor als packende Herausforderung.

Die Grabanlagen von Cerveteri

Etruskische Nekropolen von Cerveteri und Tarquinia

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Unser erster Stopp führt uns in die Nähe Roms, ca. 42 km westlich der Hauptstadt. Zwischen den Sabatiner Bergen und dem Tyrrhenischen Meer erhebt sich die sympathische Stadt Cerveteri. Von den Etruskern gegründet, hieß der Ort einst Caere oder, um im Etruskischen zu bleiben, Kaisrie. Durch den Export von Eisenerz wurde Cerveteri zu einer der größten und bevölkerungsreichsten Städte Süd-Etruriens, mehr als 15 mal so groß wie der heutige Ort.

Wo gelebt wurde, wurde natürlich auch gestorben. Das klingt fatalistisch, eröffnet dir heute allerdings packende Einblicke in die weiterhin mystische Kultur der Etrusker. Die beiden Nekropolen von Cerveteri mit ihren tausenden Gräbern wurden nach einer Art Stadtplan angelegt. Es gibt verschiedene Plätze und Viertel, Größe und Ausstattung hängen unter anderem von der Epoche sowie der Bedeutung der Familie ab. Zu den wichtigsten Grabstätten zählen:

  • Tomba dei Capitelli: Das Grab der Kapitelle erinnert an die traditionellen Wohnbauten der Etrusker. Seine Flachdächer mit Holzdielen und Stroh vermitteln ein klassisches, durchaus familiäres Bild.
  • Tomba dei Vasi Greci: Ein langer Gang, der stark an einen etruskischen Tempel erinnert, führt in diese Grabstätte aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. Warum man diesen Bereich „Grab der griechischen Vasen“ nennt, siehst du schnell selbst.
  • Tomba dei Rilievi: Wohl erst um 300 v. Chr. erschaffen und somit eines der jüngsten Gräber, führt dich ein langer Treppengang zu einem prunkvollen Saal, der von mächtigen Säulen gestützt wird. Rund um die 13 Totennischen säumen aufwändig dekorierte Reliefs diese Stätte und vermitteln spannende Einblicke in das Leben (und den Tod) einer wohlhabenden etruskischen Familie.
  • Tomba della Cornice: Über den aufsteigenden Eingang führt ein weiterer langer Gang zur letzten Ruhestätte. Neben den zwei kleineren Seitenzimmern mit je zwei Totenbetten beeindruckt die schlichte und doch mächtige Konstruktion der drei Haupttotenzimmer im zentralen Raum.
  • Tomba Regolini-Galassi: Die zuvor erwähnte orientalische Prägung der etruskischen Anfänge macht dieses Grab aus dem 7. Jahrhundert greifbar. Der wohl älteste zugängliche Friedhof der Stadt war einst reich mit Gold verziert. Viele der aufwändigen Grabbeigaben sind heute in regionalen und sogar internationalen Museen ausgestellt.

 

Ein großes Problem Cerveteris ist die Grabräuberei. Nach wie vor sind nicht einmal annähernd alle Grabstätten der Stadt vollkommen erforscht, noch weniger sind für die Öffentlichkeit zugänglich. Aufgrund der schieren Masse können nicht alle Eingänge – egal wie erschlossen – kontrolliert werden, und so treiben immer wieder mit hochwertigem technischen Gerät ausgestattete Grabräuber ihr Unwesen. Internationale Auktionshäuser, beispielsweise in London und Los Angeles, verkaufen ab und an solche Gegenstände, was auf verständlichen Unmut stößt.

Tarquinias Nekropolen

Auch Tarquinia, zu etruskischer Zeit Tarchuna genannt, nahm eine wichtige Rolle für die antike Kultur ein. Eine acht Kilometer lange Mauer umgab die zu Zeiten der Villanova-Kultur gegründete Stadt, die nicht zuletzt taktisch von Bedeutung war. Heute kennt man die Stadt im äußersten Nordwesten Latiums aufgrund ihrer Ausgrabungsstätten. Dein Hauptaugenmerk gilt der Monterozzi-Nekropole am südöstlichen Stadtrand. Rund 6.100 in Fels geschlagene, mit Tumuli abgedeckte Grabkammern entstanden hier zwischen dem 6. und 2. Jahrhundert v. Chr. An die 150 Kammern sind mit Fresken ausgestattet, welche eine zentrale Rolle in der etruskischen Kunst einnehmen und unbedingt besichtigt werden müssen. Folgende Grabstätten sind ein absolutes Muss:

  • Tomba del Cacciatore: Du wolltest immer schon wissen, wie es im Inneren eines etruskischen Jägerpavillons aussah? Dieses Grab aus dem 4. Jahrhundert samt Holzstruktur verleiht packende Einblicke.
  • Tomba della Caccia e della Pesca: Das Grab der Jagd und der Fischerei zeigt Szenen aus eben jenen Bereichen wie auch einen dionysischen Tanz. Zudem sind Portraits der Grabinhaber zu sehen, was diese Stätte zu einer der meisterforschten in Tarquinia macht.
  • Tomba delle Leonesse: Hier erwarten dich tiefe Einblicke in das Leben der etruskischen Aristokratie, von aufsteigenden Vögeln und springenden Delfinen umgeben. Hier sollte eine Brandbestattung aufgenommen werden, zumindest lässt dies der Aschebehälter vermuten.
  • Tomba degli Auguri: Leider wurde diese Grabkammer, wie so viele etruskische Ruhestätten, ausgeraubt. Die Abdrücke der beiden entwendeten Totenbetten sind noch in der Kammer zu sehen. An den Wänden siehst du Szenen eines Ringkampfs, wohl der Vorläufer der römischen Gladiatorenspiele.
  • Tomba dei Tori: Als einziges Grab in Tarquinia befasst sich diese Stätte mit griechischen Themen. Eine Darstellung aus dem Leben des Helden Achilleus – typisch für griechische Vasen – ziert diese mythologisch orientierte Ruhestätte.

 

Wenn du immer schon mal tiefe Einblicke in die einzigartige Kultur der Etrusker genießen wolltest, ist dieser Ausflug in den Nordwesten des Latium ein absolutes Muss. Die Nekropolen vermitteln vielfältige Einblicke ins Leben (und Sterben) über ein halbes Jahrtausend mit vielen weiteren Ausgrabungsstätten und Museen in unmittelbarer Nähe. Mehr geballte etruskische Kultur geht nicht!

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