Der barocke Königspalast von Caserta

Königspalast von Caserta, UNESCO

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Etwa 40 km nördlich von Neapel erwartet dich Caserta, eine charmante Stadt im Norden Kampaniens. Sie beheimatet ein echtes Schmuckstück, das nicht nur Hollywood zu schätzen weiß. Der im 18. Jahrhundert errichtete barocke Königspalast ist ein prunkvolles architektonisches Juwel, das einst den Bourbonen als Herrschaftsresidenz über die Königreiche Neapel und Sizilien diente. Gemeinsam mit seiner gewaltigen, nicht minder imposanten Parkanlage wurde der Palast 1997 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Diese Stätte ist eine Besonderheit, denn zu ihr zählen zudem das ehemalige Industrieviertel San Leucio und die Wasserversorgungsanlage Vanvitelli-Aquädukt – eine einzigartige Mischung, die es zu erkunden lohnt.

Wie die Bourbonen nach Neapel kamen

Nach dem Tod von König August II. des Starken 1733 brach ein Disput über die Thronfolge Polens aus, der Polnische Thronfolgekrieg von 1733 bis 1738 war das Ergebnis. Zwar waren die militärischen Auseinandersetzungen, vor allem in Polen, Italien und am Rhein, bereits 1735 beendet, aufgrund von Formalitäten bei den Nachfolgeregelungen sollte es bis zur Unterzeichnung der Friedensverträge aber drei weitere Jahre dauern. Im Zuge erhielt Karl VII., Sohn des spanischen Königs, das Königreich Neapel und Sizilien. Als erster Regent seit 230 Jahren beschloss er seine Residenz in das Reich zu verlegen. Neapel war ihm nicht repräsentativ genug, und so erschloss sich Karl für eine Art Planstadt als Herrschaftssitz. Die Arbeiten an der Palaststadt in der heutigen Provinz Caserta begannen.

Luigi Vanvitelli, die königliche Architektenwahl, war eigentlich mit der Restaurierung der Basilika vom Heiligen Haus von Loreto in päpstlicher Mission beauftragt, konnte jedoch losgeeist werden. Der endgültige Entwurf wurde am 22. November 1751 vorgestellt, die Bauarbeiten begannen noch im selben Jahr. Die Arbeiten sollten fast 100 Jahre dauern, unter anderem war Vanvitellis Sohn Carlo als Nachfolger tätig. Karl VII. besuchte den Palast nur selten. Bereits 1759 bestieg er als Karl III. den spanischen Thron und überließ die Großbaustelle seinem damals achtjährigen Sohn Ferdinand, der, mit napoleonischer Unterbrechung, bis zu seinem Tod 1825 über das später erweiterte Reich herrschen sollte.

Tour durch den Monumentalbau

Königspalast von Caserta

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Karl VII. hatte zwei gewaltige Paläste auf seinem „Wunschzettel“: Den Palacio Real im spanischen La Granja und die imposante Anlage von Versailles. Gerade der Stil von La Granja, vor allem jener der Gärten, sollte an die spanische Heimat erinnern, in welche Karl letztlich doch schneller als erwartet zurückkehrte. Über 1200 Räume und 1970 Fenster ziehen sich durch den rechteckigen Königspalast mit Seitenlängen von 247 und 184 Metern. Triumphbogen-artig gebaute Portale schmücken seine Stadt- und seine Gartenseite. Aus Kostengründen verzichtete man allerdings auf die Kuppel über dem Mittelbau und den Flügel am Platz vor der Stadtseite. Aber auch so weiß die Anlage zu beeindrucken.

Obwohl der barocke Königspalast von Caserta in den letzten beiden Jahrhunderten mehrfach verändert wurde, siehst du hier nach wie vor zahlreiche Originalelemente aus der Erbauungszeit. Die Innenräume leben und atmen den ursprünglichen Charme mit alten Möbeln. In den Zimmern wird der Geschmack der jeweiligen Gestaltungsepoche greifbar, und so können sich Tür an Tür höchst unterschiedliche Einrichtungsstile finden. Zu den Must-Sees zählen das Alte und das Neue Appartement mit ihren ausladend geschmückten Räumen und Gemäldesammlungen, die hinter drei gewaltigen Sälen versteckten Königlichen Appartements sowie die Schlosskapelle, welche stark an jene in Versailles angelehnt wurde. Lass dir die Pinakothek mit ihren Bourbonenporträts sowie das schlossgeschichtliche Museo Vanvitelliano ebenso wenig entgehen!

Falls dir die eine oder andere Räumlichkeit bekannt vorkommen, bist du vermutlich fleißiger Kinogeher. Die Innenräume dienten unter anderem als Schauplatz für „Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung“, sowie „Illuminati“, die Adaption des Dan Brown-Romans mit Tom Hanks und Ewan McGregor. Heute wird der Palast übrigens nicht nur als Sehenswürdigkeit und Drehort verwendet, er dient auch als Unterrichtsort. Im Südwestteil des Parks ist die Fachschule der italienischen Luftwaffe untergebracht, zudem unterhält die nationale Verwaltungshochschule hier eine eigene Außenstelle.

Die begeisternde Parkanlage

Mehr als 100 Hektar Schlosspark begleiten den prunkvollen Königspalast. Karl VII. wich hier von seinen Versailles-Fantasien ab und wollte sich ein Stück spanische Heimat nach Italien holen. Der barocke Berggarten verfügt über eine mittige Sichtachse von drei Kilometern und begeistert mit seinen wundersamen Wasserwerken. Die zahlreichen Kaskaden und Wasserfälle erfüllen übrigens nicht nur ästhetische Zwecke, sie gleichen zusätzlich die Bodenneigung aus.

Unzählige Brunnen, reich geschmückt mit Nymphen, Drachen und Statuen, begleiten dich auf deinem Streifzug durch den Park. Da wäre beispielsweise der Brunnen der Delphine, von drei großen, auf Felsen errichteten Delphinstatuen umgeben. Oder der von 14 Jägerinnen und Jägern flankierte Diana-und-Aktäon-Brunnen mit eindrucksvollem Wasserfall. Oder der mächtige Äolusbrunnen, von dessen 54 Statuen immerhin noch 23 erhalten sind. Oder… oder… ja, wo soll man da eigentlich anfangen? Vielleicht wäre der englische Landschaftsgarten eine Option. Mit seinen raren, exotischen Pflanzen ist er eine versteckte Perle in diesem Meer an Wasserattraktionen.

Vanvitelli-Aquädukt

All diese Brunnen, Becken und Wasserfälle mussten natürlich mit ordentlich Wasser gespeist werden, doch der fließende Rohstoff war ein rares Gut in der Region. Luigi Vanvitelli errichtete zwischen 1753 und 1762 das sogenannte Karolinische Aquädukt, auch Vanvitelli-Aquädukt genannt, um das Wasser aus verschiedenen Quellen in der Umgebung zu sammeln und nach Caserta zu bringen. Die Leitung von Fizzo ist 38 km lang, der 529 m lange und 55,8 m hohe Abschnitt bei Valle di Maddaloni als architektonisches Wunderwerk nach wie vor perfekt erhalten und somit ein wichtiger Bestandteil dieser UNESCO-Weltkulturerbestätte.

San Leucio

Karl VII. war nicht nur Förderer der schönen Künste, er wagte auch Experimente. Wo sich einst das Jagdschloss der Acquaviva-Familie befand, entstand eine Seidefabrik mit einem Arbeiterdorf, das nach neuesten Erkenntnissen hinsichtlich Produktivität, Innovation und Erfüllung wichtiger Arbeiterbedürfnisse gestaltet wurde. Ferdinand wollte sogar eine eigene Planstadt daraus machen, doch die französische Invasion erstickte diese Bestrebungen im Keim. Und dennoch ließ der Einsatz modernster Technologien San Leucio im ausgehenden 18. und einsetzenden 19. Jahrhundert zum wichtigen Industriestandort reifen. Ein eigenes Seidemuseum zum Anfassen veranschaulicht die revolutionären Produktionsmethoden dieser Epoche.

Eindrucksvolle Barockkunst, beeindruckende Gartenästhetik und revolutionäre industrielle Architektur begleiten dich durch diese gekonnt erweiterte, unwahrscheinlich faszinierende UNESCO-Weltkulturerbestätte. Caserta ist stets einen Besuch wert und macht prunkvolle Geschichte greifbar.

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