Ferraras Renaissance-Altstadt und das Po-Delta

Ferraras Renaissance-Altstadt

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Was ist eigentlich die „ideale Stadt“? Und wie sieht sie aus? Das perfekte Stadtbild wandelte sich im Laufe der Jahrhunderte mehrfach – was vor 300 Jahren genau richtig war, lässt sich nicht mehr mit heutigen Mobilitätskonzepten und urbaner Entwicklung vereinbaren. Im ausgehenden 15. Jahrhundert ließ die herrschende Este-Familie Ferrara mit dem ersten modern geplanten Stadtkern der Welt ausstatten. Bis heute gilt die Renaissance-Altstadt als Idealbild der humanistischen Zeit und wurde, gemeinsam mit der prächtigen Kulturlandschaft Po-Delta, 1995 in den illustren Kreis der UNESCO-Weltkulturerbestätten aufgenommen.

Ein Schwank aus Ferraras Geschichte

Um sowohl die einzigartige Zusammenstellung dieser Weltkulturerbestätte als auch den Anlass für die Errichtung eines solchen Stadtkerns in aller Vielfältigkeit zu verstehen, entführen wir dich zunächst auf einen Sprung in die illustre Vergangenheit der Stadt in der Emilia Romagna. Im Gegensatz zu vielen anderen Ortschaften hat Ferrara keinerlei römischen Wurzeln, sondern wurde wohl zunächst im 7. Jahrhundert von Lagunenbewohnern an einer Flussaufzweigung im Po-Delta besiedelt. Erst im 12. Jahrhundert kam es nach einem Dammbruch zur Verlandung der Region.

Nachdem Ferrara 1264 in die Hände der Adelsfamilie Este fiel, blühte die Stadt förmlich auf. Die Ansiedlung einer Universität und die Förderung der schönen Künste lockte Gelehrte, Maler und Bildhauer ans Po-Delta. Unter Ercole I. d’Este explodierte die Einwohnerzahl auf über 130.000, schnelles Handeln war gefragt. Hofarchitekt Biagio Rossetti wurde ab 1490 mit der schachbrettartigen Erweiterung und Befestigung Ferraras beauftragt. Der Bau breiter und gerader Straßen – im Gegensatz zur bis dahin gängigen Auffächerung und Erschließung von innen (dem Stadtkern) nach außen – war zu dieser Zeit einmalig in Europa. In Verbindung mit humanistischen Prinzipien sowie der Berücksichtigung stadtspezifischer Anforderungen und lokaler Traditionen entstand das Idealbild der Renaissance-Altstadt.

Spaziergang durch Ferraras Altstadt

Auf und rund um die Piazza della Repubblica erwarten dich prächtige Monumente architektonischer Kunst, durch besagtes Straßenprojekt, auch Addizione Erculea genannt, bestens erschlossen. Vielleicht kennst du bereits unseren ausführlichen Spaziergang durch Ferraras Renaissance-Altstadt – eine wundervolle Tour mit den wichtigsten Highlights und Sehenswürdigkeiten der Stadt sowie weiteren attraktiven Geheimtipps. Einige der schönsten Gebäude, Kirchen und Paläste wollen wir dir näher vorstellen.

San Giorgio

Oft kommt es anders, als man denkt. Zu Beginn der Arbeiten an der Cattedrale San Giorgio, dem Schutzpatron der Stadt geweiht, um 1135 wollte man einen römischen Sakralbau errichten. Letztlich sollte sich die Fertigstellung um über 200 Jahre verzögern, und so erwartet dich heute ein wahrlich einzigartiger Stilmix mit gotischem Charme. An der Marmor-Fassade entdeckst du Arkaden, Rosetten und Fialen sowie biblische Darstellungen und Abbildungen der Este. Im Inneren, mit Werken von Künstlern der Schule von Ferrara ausgestattet, erwarten dich überdies Elemente aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Übrigens lohnt sich auch ein kleiner Spaziergang rund um die Kathedrale. Du entdeckst unter anderem einen prächtigen Campanile sowie die überdachte Ladenzeile Loggia dei Merciai aus dem 15. Jahrhundert, in der heute noch einige Geschäfte untergebracht sind. Das Kathedralenmuseum ist hingegen einige Straßen weiter, in der Via San Romano, untergebracht.

Castello Estense

Ferraras Renaissance-Altstadt, UNESCO

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Was macht ein Wassergraben im Herzen Ferraras? Diese Frage stellst du dir sicher nicht alleine. Er umgibt Castello Estense, das ehemalige Herrschaftsgebäude der Este. Über eine Zugbrücke gelangst du von der Piazza Repubblica zum Kastell, das ursprünglich als Zwingburg gegen mögliche Volksaufstände schützen sollte. Erst Mitte des 16. Jahrhunderts wurde es zur herzoglichen Residenz umgebaut. In den prächtigen Sale Estensi ist der prunkvolle Lebensstil zum Greifen nahe. Von manieristischen Fresken bis zu düsteren Verliesen im Untergeschoß erwartet dich eine faszinierende Zeitreise.

Die Paläste der Stadt

Neben dem Kastell und der Kathedrale ziehen dich eine Reihe von Palästen förmlich magisch an. Hier sind unsere Empfehlungen für deine Altstadt-Tour:

  • Palazzo Municipale: Der ehemalige Este-Herzogspalast war einst direkt mit dem Castello Estense verbunden. Besonderer Blickfang ist die Ehrentreppe, ein überdachtes Meisterwerk aus dem 15. Jahrhundert mit Kuppel. Heute ist hier das Rathaus untergebracht.
  • Palazzo Schifanoia: Warum immer so ernst? Schifanoia bedeutet so viel wie „nur keine Langeweile“ und war einzig dem Vergnügen gewidmet. Hier entflohen die Este-Regenten der höfischen Eintönigkeit, wovon unter anderem der Sala dei Mesi mit seinen leider schlecht erhaltenen Frührenaissance-Monatsfresken zeugt.
  • Palazzo Costabili: Als die Sforza 1503 aus Mailand vertrieben wurden, stockten auch die Bauarbeiten am Palast für Hof-Botschafter Antonio Costabili. Der Prachtbau blieb unvollendet, die von Garofalo ausgemalten Säle sind dennoch mehr als sehenswert. Ein Abstecher ins archäologische Museum lohnt sich!
  • Palazzo dei Diamanti: Über 12.000 Marmorblöcke mit unterschiedlich ausgerichteten, diamantförmigen Steinspitzen machen Biagio Rossettis architektonisches Meisterwerk zum Hingucker. Wo einst vornehm gewohnt und residiert wurde, befindet sich heute die Pinacoteca Nazionale mit Kunstwerken aus dem 14. bis 17. Jahrhundert.

 

Ausflug ins Po-Delta

Rund um Ferrara erwartet dich eine wahrlich einzigartige Kulturlandschaft, über Jahrzehnte und Jahrhunderte in minutiöser Kleinarbeit von Menschenhand geplant und mit technischem Geschick sowie einem Auge für die Natur fertiggestellt. Die sukzessive Trockenlegung des Po-Deltas, heute unter anderem Heimat eines gewaltigen Naturparks, legte den Grundstein für eine der prächtigsten Lebensräume des Landes. Zwischen den Provinzen Ferrara und Ravenna erwarten dich Feuchtgebiete, Wälder, Pinienhaine und Biotope, aber auch Landwirtschaft und so manches Wohnhaus. Eine besondere Rolle nehmen die Delizie Estensi ein, eine Sammlung von ca. 30 Villen im Stadtgebiet sowie der Umgebung, in der einst die Herrscher und ihre Familien lebten und regierten. Ihr strategischer Wert für die Erschließung, Verwaltung und Verteidigung der Region kann nicht oft genug betont werden.

Ob du nun architektonische Meisterleistungen, innovative Stadtplanung oder das faszinierende Zusammenleben von Mensch und Natur aus nächster Nähe erleben möchtest – Ferrara und das umliegende Po-Delta sind stets einen Besuch wert. ZAINOO wünscht dir viel Spaß bei einer gewiss unvergesslichen Reise zum Idealbild der Renaissance!

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