{"id":671,"date":"2019-05-29T10:35:33","date_gmt":"2019-05-29T10:35:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zainoo.com\/blog\/?p=671"},"modified":"2019-05-29T10:58:05","modified_gmt":"2019-05-29T10:58:05","slug":"unesco-weltkulturerbestaette-crespi-d-adda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zainoo.com\/blog\/de\/unesco-weltkulturerbestaette-crespi-d-adda\/","title":{"rendered":"UNESCO-Weltkulturerbest\u00e4tte Crespi d&#8217;Adda"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_670\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-670\" class=\"size-medium wp-image-670\" src=\"https:\/\/www.zainoo.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/crespi-dadda-unesco-300x200.jpg\" alt=\"UNESCO-Weltkulturerbest\u00e4tte Crespi d'Adda\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zainoo.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/crespi-dadda-unesco-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.zainoo.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/crespi-dadda-unesco-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.zainoo.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/crespi-dadda-unesco-900x600.jpg 900w, https:\/\/www.zainoo.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/crespi-dadda-unesco.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-670\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Bigstock.com\/johannes86<\/p><\/div>\n<p>Der industrielle Boom des 19. Jahrhunderts machte auch vor Italien nicht Halt. Von Nord bis S\u00fcd schossen Fabriken f\u00f6rmlich aus dem Boden und revolutionierten mit ihren Produktionsmethoden und der dazugeh\u00f6rigen Infrastruktur das Leben zwischen Stadt und Land. Textilfabrikant Cristoforo Benigno Crespi suchte nach einem neuen Fabrikstandort und baute diesen zu Crespi d&#8217;Adda aus. Dieses Textil- und Arbeiterdorf in der Lombardei gilt als Juwel der Industriearch\u00e4ologie und wurde 1995 zum UNESCO-Weltkulturerbe erkl\u00e4rt. Seit Schlie\u00dfung der Fabrik im Jahr 2004 ist der Standort allerdings bedroht, seine Zukunft offen.<\/p>\n<p><strong>Die F\u00e4rberdynastie Crespi<\/strong><\/p>\n<p>Im 18. und 19. Jahrhundert war Crespi ein klingender Name in der italienischen Textilindustrie. Die F\u00e4rberfamilie baute ihre Vormachtstellung im Laufe der Jahrzehnte aus, expandierte umfassend und setzte auf neue Gesch\u00e4ftszweige. Mit der Herstellung von Baumwollprodukten hatten die Crespi eine wahre Goldgrube entdeckt, eine neue Fabrik musste her. Daf\u00fcr suchte der 1833 in Busto Arsizio (ca. 35 km s\u00fcdlich von Mailand gelegen) geborene Cristoforo Benigno Crespi nach einem geeigneten Standort.<\/p>\n<p>Crespi erwarb ein St\u00fcck Land, ca. 100 km \u00f6stlich seines Geburtsortes gelegen, und begann mit dem Bau einer Fabrik. Angesichts des etwas abgelegenen Standorts mussten schnell weitere Bauten her, und so entstand ab 1878 eine komplette Planstadt mit Unterk\u00fcnften und Infrastruktur f\u00fcr Fabrikarbeiter. Sein Sohn und Erbe Silvio Crespi \u00fcbernahm des Unternehmen im Jahr 1906 und baute es weiter aus. Der junge Crespi galt als einer der einflussreichsten italienischen Industriellen, z\u00e4hlte zu den Unterzeichnern des Friedensvertrags von Versailles und musste seine Firma erst 1929 im Zeichen der Weltwirtschaftskrise und der brutalen faschistischen Finanzpolitik aufgeben. Die Fabrik selbst sollte noch bis ins neue Jahrtausend produzieren.<\/p>\n<p><strong>Ein Dorf auf dem Rei\u00dfbrett<\/strong><\/p>\n<p>Cristoforo Benigno Crespi holte modernste Produktionsmethoden aus England in seine Baumwollspinnerei. Daf\u00fcr ben\u00f6tigte er Wasserkraft in rauen Mengen, und so entschied er sich f\u00fcr eine gr\u00fcne Wiese auf der Halbinsel Isola Bergamasca, von den Fl\u00fcssen Adda und Brembo eingerahmt. Auf sein Gehei\u00df wurde ein paar Jahrzehnte sp\u00e4ter ein eigenes Wasserkraftwerk im wenige Kilometer flussaufw\u00e4rts gelegenen Trezzo errichtet.<\/p>\n<p>Die Fabrik an sich nahm ihre Arbeit bereits 1875 auf, doch schnell merkte der Gro\u00dfindustrielle, dass die etwas abgelegene Lage suboptimal war \u2013 f\u00fcr seine Arbeiter und f\u00fcr Crespi selbst. Unterk\u00fcnfte und Infrastruktur mussten her, und zwar m\u00f6glichst schnell. So lie\u00df er neben der Baumwollspinnerei ein kleines Dorf errichten. Mehrparteienh\u00e4user, ein Krankenhaus sowie eine Kirche mit Friedhof, eine Schule (auf dem Stundenplan fand sich nat\u00fcrlich das Fach &#8222;Baumwollverarbeitung&#8220;), ein Theater und ein Waschhaus wurden in Rekordzeit hochgezogen.<\/p>\n<p>Klingt spektakul\u00e4r? Was, wenn wir dir verraten, dass Crespi d&#8217;Adda au\u00dferdem das erste italienische Dorf mit moderner Stra\u00dfenbeleuchtung war? Noch im 19. Jahrhundert machte sich Crespi Edisons Beleuchtungskonzept zu eigen und sorgte f\u00fcr mehr Helligkeit entlang der Wege. Durch dieses freundliche Schimmern bei Nacht erh\u00f6hte er nicht nur die Produktivit\u00e4t seiner Fabrik, sondern gleichzeitig die Lebensqualit\u00e4t im Dorf. Sein Sohn sollte Crespi d&#8217;Adda allerdings zu noch gr\u00f6\u00dferen H\u00f6hen f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Silvio Crespis Planstadt-Evolution<\/strong><\/p>\n<p>Cristoforos Sohn Silvio unternahm viele Reisen, bevor er sich um die Geschicke des Unternehmens k\u00fcmmern d\u00fcrfte. Einer dieser Trips f\u00fchrte ihn ins britische Oldham, ein weiterer Hotspot der Textilindustrie im 19. Jahrhundert. Hier holte er sich nicht nur Knowhow um neue Produktionstechniken und Formen der Arbeitsteilung, sondern lie\u00df ebenso den industriellen Charme der Stadt auf sich wirken und fand neue Inspiration f\u00fcr den weiteren Ausbau von Crespi d&#8217;Adda.<\/p>\n<p>Silvio Crespi sah Missstimmung und Unzufriedenheit als gr\u00f6\u00dftes drohendes Problem seines geerbten Industriedorfs. Deswegen verabschiedete er sich langsam aber sicher von den Mehrparteienh\u00e4usern und begann ab 1892 mit der Errichtung neuer Arbeiterunterk\u00fcnfte. Crespi d&#8217;Adda erhielt unter seiner F\u00fchrung Einfamilienh\u00e4user mit G\u00e4rten. Diese sollte f\u00fcr mehr Harmonie und Ausgeglichenheit sorgen. Tats\u00e4chlich gab es in den gesamten 50 Jahren der Crespi-Familienleitung weder Streiks noch gr\u00f6bere soziale Spannungen.<\/p>\n<p><strong>F\u00fchrung durch Crespi d&#8217;Adda<\/strong><\/p>\n<p>Wenn du heute nach Crespi d&#8217;Adda reist, triffst du auf einen Ort, in dem die Zeit stehengeblieben ist. Seit den 1920er Jahren hat sich das Dorf kaum ver\u00e4ndert. Sp\u00e4tere Eigent\u00fcmer verkauften einen Gro\u00dfteil der H\u00e4user an (ehemalige) Arbeiter und seit 2004 liegt die Fabrik komplett still. Mittlerweile wohnen nur mehr ca. 450 Menschen, gr\u00f6\u00dftenteils Hauseigent\u00fcmer, in der einst florierenden Planstadt.<\/p>\n<p>Klingt nach einer Geisterstadt? Nicht ganz, denn noch leben mehr als genug Menschen hier. Das Dorfleben ist durchaus lebendig und so solltest du dich bei der Besichtigung an lokale Gepflogenheiten halten \u2013 am besten im Rahmen einer gef\u00fchrten Tour, denn dein Guide wei\u00df am besten, welche Pl\u00e4tze und Geb\u00e4ude du tats\u00e4chlich besuchen kannst, begleitet von spannenden Informationen zur eindrucksvollen Geschichte dieses Vorzeigedorfes.<\/p>\n<p>Schnurgerade, wie mit dem Lineal gezogene Stra\u00dfen, sorgsam aufgereihte Einzelh\u00e4user mit dem jeweils gleichen niedrigen Begrenzungszaun und einem Gem\u00fcsegarten, das Ortsbild von hoch aufragenden Fabrikschornsteinen gepr\u00e4gt \u2013 kein Wunder, dass Crespi d&#8217;Adda als Idealbildnis der Industriestadt galt und gilt. Etwas weiter s\u00fcdlich findest du die Villen der h\u00f6heren Angestellten und der Betriebsf\u00fchrung, das alte Badehaus \u2013 mittlerweile zum Hallenbad umgebaut \u2013 die kleine Renaissance-Kirche (eine exakte Kopie der Kirche aus Crespis Heimatort Busto Arsizio) und den gro\u00dfen Arbeiterfriedhof mit Familienmausoleum. Durch dieses Dorf zu spazieren, ist ein unwirkliches Erlebnis, faszinierend und wundersch\u00f6n, aber auch auf gewisse Weise beklemmend. Wie lange das noch m\u00f6glich sein wird, ist aktuell offen.<\/p>\n<p><strong>Die Zukunft von Crespi d&#8217;Adda<\/strong><\/p>\n<p>Hinter dem Status als Weltkulturerbest\u00e4tte steht aktuell allerdings ein gro\u00dfes Fragezeichen. Die UNESCO beharrt auf der Erhaltung des Status Quo als industrielle Planstadt und w\u00fcrde am liebsten wohl neue Fabrikbesitzer oder aber die Einrichtung von kulturellen und forschenden Institutionen sehen. Wie zeitgem\u00e4\u00df und realistisch dies ist, sei wohl dahingestellt. Laufend bekunden Investoren ihr Interesse an Crespi d&#8217;Adda, wollen jedoch gro\u00dfe Hotelanlagen auf dem ehemaligen Fabrikgel\u00e4nde errichten.<\/p>\n<p>Seit 2013 bem\u00fcht sich der Unternehmer Antonio Percassi um Crespi d&#8217;Adda. Der ehemalige Spieler und Pr\u00e4sident des Fu\u00dfballvereins Atalanta Bergamo arbeitete mehrere Jahrzehnte eng mit Benetton zusammen, gr\u00fcndete verschiedene Kosmetikfirmen und lie\u00df ein gro\u00dfes Einkaufszentrum in der Region erbauen. Percassi m\u00f6chte den Ort zum Hauptquartier seines Firmenimperiums und seiner Familienstiftung umbauen lassen. Damit st\u00f6\u00dft er allerdings auf wenig Gegenliebe, das Projekt liegt aktuell mangels entsprechender Genehmigungen brach. Eine Ann\u00e4herung zwischen Politik und Unternehmer wird seit Sommer 2018 wieder versucht, bislang jedoch ohne nennenswertes Ergebnis.<\/p>\n<p>Was auch immer mit Crespi d&#8217;Adda in der nahen oder fernen Zukunft passieren wird, dieses Idealbild der Industriesiedlung ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Lass dich von der einzigartigen Planstruktur verzaubern, besuche die sympathischen kleinen Stra\u00dfen und erlebe den ungew\u00f6hnlichen wie eindrucksvollen Kontrast zwischen niedlichen Arbeiterh\u00e4usern, ausladenden Villen und m\u00e4chtiger Fabrikarchitektur hautnah. Viel Spa\u00df bei deiner Tour!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der industrielle Boom des 19. Jahrhunderts machte auch vor Italien nicht Halt. Von Nord bis S\u00fcd schossen Fabriken f\u00f6rmlich aus dem Boden und revolutionierten mit ihren Produktionsmethoden und der dazugeh\u00f6rigen Infrastruktur das Leben zwischen Stadt und Land. 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